Von Christoph Türcke

Nicht etwa als Gebilde der Volkspoesie taucht das Osterei zuerst auf, sondern in mittelalterlichen Rechnungsbüchern, die höchst prosaisch das Kontingent an Eiern verzeichnen, das die Landbevölkerung ihrer gräflichen oder klösterlichen Herrschaft zu Ostern abzuliefern hatte. 100 Stück pro Hof scheinen üblich gewesen zu sein. Die Tag- und Nachtgleiche im Frühjahr, wo die Hühner wieder besser legten und die Wildvögel in Wald und Feld Eier hinterließen, war gerade die rechte Zeit zur Erhebung eines solchen Naturalzinses – und seine Rechtfertigung nicht schwer.

Ostern, dessen Datum sich bis heute am ersten Vollmond nach der Tag- und Nachtgleiche orientiert, ist von alters her ein Fest, das den Frühling in doppeltem Sinn begrüßt: als den natürlichen Neubeginn des Lebens, das Wiederaufkeimen von Flora und Fauna, und als den übernatürlichen, die Auferstehung Christi. Ostern ist das Fest des Frühlings schlechthin, das Ei das Naturprodukt des Frühlings schlechthin, im österlichen Eierzins kamen beide aufs schönste zusammen, und so schien nichts einleuchtender und gottgefälliger, als ihn um Christi willen zu entrichten. Seit dem 12. Jahrhundert ist die benedictio ovorum, österliche Eiersegnung, bekannt, worin die Eier zu einer Art Gnadenspeise wurden – dem zum Leib Christi geweihten Brot gar nicht so unähnlich.

Das Osterei haben wir also, aber noch nicht die Farbe daran. Die tritt dauerhaft erst im 16. Jahrhundert hinzu, und man kann nur mutmaßen, wie. Das Färben von Hühnereiern ist durch Funde in Griechenland schon für vorchristliche Zeit belegt, und im Raum der orthodoxen Kirche scheint sich solcher Brauch erhalten zu haben, ohne schon exklusiv mit Ostern verknüpft zu sein. Hingegen registrieren Rechnungsbücher in oberdeutschen Klöstern goldene oder rote Ostereier von der Zeit an, da sie auch „dürckische Gefangene“ vermerken – orthodoxe Geistliche, die in den Türkenkriegen nach Westen geflohen und von den römisch-katholischen Brüdern trotz Kirchenspaltung aufgenommen worden waren. Nicht abwegig, daß die Flüchtlinge einen Ritus mitbrachten, der sich deshalb so schnell verbreitete, weil er dem heimischen Kultbedürfnis wie gerufen kam. Erst das goldene Ei hat Aura, erst das rote gemahnt ans Blut Christi, und die Weihung von puren, blassen Ostereiern erweist sich im Vergleich damit als ein höchst farbloses Unternehmen.

Nun ist auch die Farbe am Ei, und es fehlt nur noch der Hase. Er ist nicht der einzige, der als Eierbringer in Betracht kam. Es gibt Gegenden, wo der Hahn, der Storch, der Fuchs dafür ausersehen waren. Doch solche Tierphantasien kamen erst auf, als das Osterei seinen gesellschaftlichen Ernst verloren hatte und nicht mehr als Zins abgeliefert werden mußte. Die Feudalverhältnisse, die das verlangten, lösten sich auf, und übrigblieb der Brauch, sich wechselseitig und vor allem die Kinder mit Eiern zu beschenken.

Der Osterschmaus privatisierte sich von der Volksspeisung zum Familienfest, und daß die Hasen, die sich im Frühjahr „wie die Kaninchen“ vermehren, dabei zum bevorzugten Festbraten wurden, mag dazu beigetragen haben, ihnen in besonderer Weise die Eier anzudichten, mit denen sie auf der Bratenplatte umrahmt wurden.

Jedenfalls assoziierten sich in der Vorstellung, daß der Hase die Eier bringt, womöglich gar noch legt und anmalt, zwei Symbole der Fruchtbarkeit und wurden in dieser Verbindung ein derart hartnäckiger Bestandteil des Osterfestes, daß weder der Protestantismus, der mit überkommenen katholischen Riten gewöhnlich rigoros verfuhr, gegen das Osterei aufkam, noch eine Polizeiverordnung aus dem katholischen München von 1802, welche „das Verkaufen der hartgesottenen und gefärbten Ostereyer“ untersagt, „weil 1) hierdurch dieser Viktualienartikel...vertheuert werden würde; 2) weil der Genuß derselben den Kindern schädlich, und diese 3) hierdurch nur gereizt werden, ihre Kreuzer liederlich zu vertändeln“;