Unter der Kontrolle von Kirch und den Burda-Brüdern wird der Konzern kaum zur Ruhe kommen

Von Gunhild Freese

Die Bild-Zeitung hatte mal wieder einen Skandal aufgedeckt. "Video-Sex mit Kubitschek", so titelte das Springer-Blatt (Auflage: 4,8 Millionen Exemplare) am Donnerstag der vergangenen Woche. Mit der Ablichtung der bloßen Schulter von Schauspielerin Ruth-Maria Kubitschek, gebeugt über ihren ebenfalls nackten Partner, und dem vielversprechenden Titel "Trio Pervers", so enthüllten die Bild-Macher, soll ein "müder, alter Krimi" als vermeintlicher Porno auf Video neu vermarktet werden. Und Bild verschwieg auch nicht den Verursacher solchen Etikettenschwindels: die Kirch-Gruppe.

Dem Boulevard-Blatt war entgangen, daß der alte Schinken mit gleichem Bild und unter gleichem Titel einst schon in die Kinos gekommen war. Aber darauf kam es der Zeitung gar nicht an. Hier ging es um Höheres. Die Kirch-Gruppe, so sollte der Leser annehmen, ist zum Schlimmsten fähig.

Das hatte sie gerade erst bewiesen. Anfang der vergangenen Woche; war publik geworden, daß der Münchner Filmhändler Leo Kirch gemeinsam mit den Brüdern Franz und Frieder Burda im Springer-Konzern die Macht an sich reißen will. Mit Bild gingen sämtliche Springer-Zeitungen auf Abwehr.

Der Axel Springer Verlag, der zu den größten Medienhäusern des Kontinents zählt, in den Händen eines "Syndikats", das beabsichtigt, "mit seiner Mehrheit alle Beschlüsse von Hauptversammlung, Aufsichtsrat und seinen Anschlüssen vorab festzulegen", wie das Haus Springer eilends beklagte? Der Mediengigant, der 1986 über 2,66 Milliarden Mark umsetzte und einen Gewinn von 94,5 Millionen Mark verbuchte, in den Händen von Leuten, die "keine Erfahrungen im Umgang mit Zeitungsredaktionen" haben, wie das Springer-eigene Hamburger Abendblatt verschreckt meldete? Der publizistische Riese, der stets mit seinen Blättern – allen voran die Welt – auch Politik machen wollte und deshalb den unruhigen Studenten der späten sechziger Jahre zum Symbol rechtskonservativer Markt- und Meinungsmacht wurde, der nun um seinen "Erhalt und die Weiterentwicklung" und sogar um die "Unabhängigkeit der Zeitungen und Zeitschriften" fürchten muß? Eine Unabhängigkeit besonderer Art, die in der Berichterstattung über den "Machtkampf um Springers Erbe" von Bild über das Hamburger Abendblatt bis zur Berliner Morgenpost gerade wieder massiv demonstriert wurde.

Merkwürdige Wende