Als Agrarminister Ignaz Kiechle Anfang dieser Woche zur ersten Runde des alljährlichen Preispokers nach Brüssel fuhr, hatte er es so schwer wie nie zuvor. Von seinen Bonner Beamten war ihm bereits vorgerechnet worden, daß er in diesem Jahr den deutschen Bauern kaum ein vorzeigbares Ergebnis würde präsentieren können. Der Deutsche Bauernverband hatte auch vorsorglich Protest gegen den Plan der EG-Kommission angemeldet, die Preise einzufrieren. Und Kiechle selbst muß sich von seiner letzten Niederlage erholen, die ihm wenige Tage zuvor sein Parteichef Franz Josef Strauß eingebracht hatte. Der CSU-Vorsitzende pfiff Kiechle zurück, als der eine kleine Korrektur am alltäglichen Unsinn der Milchmarktordnung durchsetzen wollte.

Doch das kann nur der Anlaß gewesen sein. Dahinter steht ein Wunsch des CSU-Chefs. Er will seine Partei und damit sich selbst endlich von der Bürde des Agrarministerpostens befreien. Obwohl der aufrechte Kiechle für die Bauern mehr Geld als je zuvor erstritten hat, geht das Höfesterben weiter. Damit die noch bevorstehenden agrarpolitischen Grausamkeiten nicht der CSU angelastet werden können, taugt weder Kiechle noch ein anderer CSU-Mann zum Agrarminister in Bonn.

Nüchtern betrachtet war Kiechles Vorhaben im Rahmen der unsinnigen Agrarreglementierungen fast genial: Vor vier Jahren hatte der Mann aus dem Allgäu auf Druck des Bauernverbandes den Landwirten erlaubt, mehr Milch zu produzieren als Brüssel genehmigt. Diesen Fehler wollte Kiechle jetzt wettmachen, indem er zuviel ausgeteilte Milchquoten gegen satte Entschädigung vorübergehend wieder einsammelt. Das hätte dem Finanzminister eine Strafabgabe an die Brüsseler EG-Kasse erspart und den Bauern per Saldo bares Geld gebracht. Doch Kiechles Plan hatte einen kleinen Fehler. Die vor allem in Bayern beheimateten Kleinbauern mit zehn, fünfzehn oder zwanzig Kühen fürchteten um ihr schmales Einkommen und darum, daß sie wegen der dreiprozentigen Quotenkürzung theoretisch halbe Kühe abschaffen müßten. Deshalb mobilisierten sie den bayerischen Landesvater, der sich schützend vor das Heer seiner Kleinbauern stellte.

Doch der starke Mann aus München ist Realpolitiker genug, um zu wissen, daß auch er den landwirtschaftlichen Strukturwandel zu größeren Betrieben nicht stoppen kann. Weil aber gerade die Kleinbauern das bodenständige und konservative Rückgrat der CSU sind, nutzte Strauß die Gelegenheit, um bei diesen Wählern erneut die Illusion eines unbegrenzten Bauerndaseins zu nähren. Dafür mußte er freilich seinen Parteifreund Kiechle auf seinen Abschied vom Agrarministeramt vorbereiten. Für diesen Amtswechsel wird sich bald gute Gelegenheit bieten. Wenn im Sommer Verteidigungsminister Manfred Wörner zum Generalsekretär der Nato in Brüssel aufsteigt, steht in Bonn ohnehin ein Kabinetts-Revirement an.

Bis dahin werden sich noch genügend Anlässe bieten, um Kiechle rücktrittsreif zu machen. Aus den jetzt angelaufenen Agrarpreisverhandlungen kann der Deutsche nur als Verlierer herauskommen. Er darf nicht einmal Verhandlungsstärke demonstrieren, weil er als Präsident des EG-Agrarministerrates eher vermitteln muß. Die Bauern werden sich, wie immer, verraten fühlen, und Strauß kann den CSU-Mann endlich aus Bonn abziehen. Nur: An der verfahrenen Agrarpolitik ändert sich dadurch gar nichts. Fritz Vorholz