Von Stefan Reisner

Meine Familie stammt aus Weimar und hat folglich, wie so viele Einwohner, ihre eigenen Beziehungen zum Genius dieses Ortes, dem Geheimen Rat und Minister Goethe. Sie wurde sogar in „Dichtung und Wahrheit“ erwähnt, was in der Weimarer Gesellschaft einem Adelsschlag gleichkam und viel mehr war, als die anderen zu bieten hatten, die nur vor Goethens Tür gestanden, um den angereisten Besuchern die Eigenheiten des inhäusigen Hausherren zu erklären.

Eine meiner Vorfahren, Lena Louise Axthelm, war tatsächlich in den Jahren 1826 bis 1829 im Hause Goethe angestellt, und zwar in der Küche. Sie war wohl nicht die Erste Köchin, eher eine Gehilfin, und an gewöhnlichen Tagen servierte sie auch, während an Festtagen und bei Empfängen der Kammerdiener auftrug. Nach dem Stammbuch meiner Eltern – so etwas mußte während der Nazizeit angelegt werden – ist vermerkt, daß Lena Louise Axthelm im März 1879 zu Weimar verstorben ist.

Natürlich hat sie Tagebuch geführt – wie wohl jeder, der im Haus am Frauenplan zu tun hatte, irgendwann einmal seine Beobachtungen zu Papier brachte – Goethe wußte dies und richtete sich danach. Von meiner Vorfahrin sind drei Oktavhefte überliefert (zwei blaue und ein schwarzes). Sie sind nicht alle vollgeschrieben, vielmehr läßt der Eifer in allen drei Heften nach einigen Seiten nach, viele Blätter sind leer. Und offensichtlich hat Lena Louise in späteren Jahren, wie man an der reiferen Schrift sieht, auch noch einiges aus der Erinnerung hinzugefügt. Ihre ehemalige Position als Köchin Goethes sicherte ihr in Weimar lebenslange Aufmerksamkeit.

Für uns weniger interessant sind die allgemeinen Bemerkungen des jungen Mädchens, etwa über das Weimarer Wetter – so ist unter dem 6. Januar 1826 „Schneegestieber“ vermerkt (Goethe war an diesem Tag gar nicht in der Residenz); oder Notate von Ereignissen, über die wir andere Vermerke haben, etwa aus den Haushaltsbüchern des Sohnes August, die sehr sorgfältig geführt sind – wie überhaupt August der eigentliche Hausmeier und Verwalter des ministeriellen Hausstands war, wobei er bei den Angestellten offensichtlich hohes Ansehen genoß. Hinter seinem Namen stehen in Lena Louises Tagebuch niemals die wütenden Ausrufungszeichen, die manchmal hinter Goethes Titel in das Papier gehackt sind. Unter dem 3. November 1827 vermerkt das junge Mädchen nur „Zwiebelmarkt“, und aus den Haushaltsbüchern Augusts können wir ergänzen, daß für den großen Hausstand an diesem Tag „zwei Sack blaue Cibuln à 7 Groschen“ eingekauft wurden, und aus den „Annalen der Landwirtschaftlichen Gesellschaft von Coburg-Gotha“ (sic!) wissen wir, daß diese blauen (französischen) Zwiebeln von zwei Bauern in Berka produziert wurden.

Wichtig sind vielmehr die Nachrichten über den inneren Zustand des Hauses Goethe, die wir den Aufzeichnungen entnehmen können. Eigentlich waren es ja zwei Haushalte, der des alten Herren und dann der junge Hausstand von August und Frau. Ottilie, die immer zu spät zum Essen kam, spielte darin die geringste Rolle. Das Küchenmädchen Lena Louise scheint von ihrer Tätigkeit in Goethes Haushalt nicht sehr eingenommen gewesen zu sein; nur so läßt sich erklären, daß sie nach nur vier Jahren den Dienst wechselte. Es war ja vor allem ein Senioren-Haushalt, dessen Ruhe immer wieder durch die vielen Besucher gestört wurde. Goethe scheint, was seinen Tisch betrifft, auf die Geschmäcker seiner Gäste nicht viel Rücksicht genommen zu haben. Derber und reichhaltiger wurde für die Sekretäre und Angestellten gekocht, die oft das Wildbret abbekamen, das der Hof Goethe ins Haus schickte.

Mit zunehmendem Alter liebte es Goethe, Suppen zu essen, und mehrmals vermerkt Lena Louise „dem Geheimr. die Suppe gebracht“. Waren Gäste da, wie meist, dann wurden allerdings mehrere Gänge serviert, nach den Unterlagen Augusts in geringen Portionen. Der alte Herr liebte es, seine Gäste bei Tisch mit eher geistigen Gaben zu verköstigen. Für das Personal waren diese oft mehrstündigen Sitzungen am Tisch eine Qual – Goethe zeigte immer wieder seine geliebten Stiche vor, schickte seine Sekretäre, irgendeinen Sammelkasten, seien nun Münzen darin oder Knochen, zu holen. Für das Personal eine anstrengende Serviertätigkeit, denn der alte Herr verabscheute es, während der Rede durch klapperndes Geschirr unterbrochen zu werden. Dieses Geräusch kam bei ihm gleich nach dem so gehaßten Hundegebell.