/ Von Henning Engeln

Westliche Mediziner waren beeindruckt, als sie Anfang der siebziger Jahre in China erstmals mit eigenen Augen sahen, wie einheimische Ärzte wache Patienten operierten, deren Schmerzen nur mittels Akupunktur unterdrückt wurden. Doch die chirurgische Analgesie (Schmerzausschaltung) mit den chinesischen Nadeln hat sich in der westlichen Welt nicht durchsetzen können – vor allem, da die Schmerzdämpfung häufig nicht komplett und die Patientenbetreuung aufwendiger ist als bei Narkosen. Auch in China wird mittlerweile nur noch bei fünf bis zehn Prozent der Operationen akupunktiert. Kein Zweifel jedoch, daß die fernöstliche Methode bei uns in anderen Bereichen vorandringt: Bei Migräne, Rücken- und Gelenkschmerzen, Asthma bronchiale, Herz-Kreislauf- und Magen-Darmstörungen, bei Heuschnupfen, zur Schmerzlinderung und Entspannung der Muskulatur bei Geburten, zur Entwöhnung von Zigaretten oder zum Verringern von Fettpolstern wird immer öfter genadelt.

Drei- bis viertausend Mediziner (und eine nicht unbeträchtliche Zahl von Heilpraktikern) wenden die Akupunktur in der Bundesrepublik bereits an, schätzt Gabriel Stux, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Akupunktur in Düsseldorf. Und Fortbildungskurse für die Methode seien gut besucht. Dennoch kämpfen die Anhänger der Akupunktur hierzulande noch um die wissenschaftliche Anerkennung der Methode – im Gegensatz beispielsweise zu Österreich, Schweden, Frankreich, Großbritannien und mehreren Ostblockländern. In der Bundesrepublik gibt es weder eine offizielle Ausbildung in Akupunktur an den Universitäten noch wird die Methode von den Ärztekammern anerkannt. Auch die Krankenkassen zahlen nur in manchen Fällen.

Dabei gibt es mittlerweile eine ganze Menge Forschungsergebnisse, die belegen, daß irgendetwas „dran“ ist an der Akupunktur, etwas, das sich auch mit den westlichen wissenschaftlichen Methoden ergründen läßt. Am besten untersucht ist die schmerzlindernde Wirkung der Nadeltechnik. So haben viele Forschergruppen an Mäusen, Katzen, Pferden, Ratten und Kaninchen nachgewiesen, daß die Akupunktur die Schmerzwelle heraufsetzt. Dabei soll eine bessere Wirkung erzielt werden, wenn „echte“ Akupunkturpunkte genadelt werden als wenn die Nadeln an „Placebo“-Punkten, also an beliebigen anderen Stellen gesetzt werden. Der kanadische Mediziner Bruce Pomeranz und seine Mitarbeiter leiteten elektrische Impulse von schmerzleitenden Nervenzellen im Rückenmark von Ratten ab und konnten die hemmende Wirkung der Akupunktur damit direkt neurophysiologisch nachweisen.

Verschiedene klinische Studien an Patienten mit chronischen Schmerzen ergaben, daß sich in 55 bis 85 Prozent der Fälle das Krankheitsbild besserte, sofern „echte“ Akupunkturpunkte genadelt wurden. Die Behandlung an Placebo-Punkten lieferte die beachtliche Erfolgsquote von 33 bis 50 Prozent, während andere Placebo-Methoden (z. B. Nadeln, die nur auf die Haut gedrückt, jedoch nicht eingestochen werden oder eine vorgetäuschte Elektrostimulation) immerhin noch bei 30 bis 35 Prozent der Patienten wirkten.

In den Augen der Skeptiker beweist die hohe Erfolgsquote bei den Placebo-Methoden, daß ein großer Teil der Akupunktur eben auf reiner Suggestiv-Wirkung beruht und die Akupunkturpunkte nicht spezifisch sind. Andererseits kommen auch die Gegner der Methode nicht umhin, eine objektive Wirksamkeit der Akupunktur für einige Krankheitsbilder im Bereich der chronischen Schmerzen anzuerkennen. Effektiv behandeln lassen sich offenbar manche Formen von Kopfschmerzen, zum Beispiel Migräne, sowie Schmerzen des Bewegungsapparates, insbesondere Rückenschmerzen. Jan Baum, Chefarzt am St. Elisabeth-Stift in Damme bei Osnabrück, warnt allerdings davor, zu viel von der Akupunktur zu erwarten. Niemand könne im Einzelfall garantieren, daß die Methode gegen Schmerzen wirkt – dies sei allerdings auch bei vielen Verfahren der Schulmedizin so.