Von Michael Naura

Blues kommt nicht vom Baumwollpflücken.“ Dieser Satz räumt mit einer von den Weißen in die Welt gesetzten Nigger-Saga auf. Er stammt von Miles Davis. Einer, der daran glaubte, war Gil Evans, der grandiose Orchestrator, der Partiturenmaler, der gleichzeitig das innere Ohr von Davis war. Evans starb letzte Woche, 75 Jahre alt, in Mexiko. Die Platte „Sketches of Spain“, die er 1959/60 mit Miles Davis veröffentlichte, hat genügt, um die beiden unsterblich zu machen. Sie hatten damit den Blues, jenen chronischen Seelenkatarrh, in der Musik Andalusiens aufgespürt und Spanien ein weit würdigeres Denkmal gesetzt als alle Julio-Iglesiasse der Welt zusammengenommen. Die Spannung, die sich zur Osterzeit in den Straßen von Sevilla in spontane Schreie religiöser Verzückung entlädt, haben sie ans Herz des Jazz’ gezogen. In seiner „Dichtung vom Canto Jondo“ schreibt Federico Garcia Lorca:

„Angetan mit schwarzen Schleiern.

Denkt sie, daß der schwache Seufzer,

daß der Schrei dahin auch schwinde

in des Windes langem Strome.“

Gil Evans und Miles Davis haben mit ihrem Tongemälde eine erhabene Musik geschaffen, die auf mystische Weise Worte von Lorca aufzunehmen scheint: