Von Jörg Albrecht

Eine amerikanische Zeitschrift hat ihn vor kurzem unter die „150 einflußreichsten Personen des Jahres“ gewählt; Gentechniker würden ihn vermutlich, wenn man sie fragte, zu den zehn lästigsten Personen des Jahrzehnts zählen: Jeremy Rifkin, ein streitbarer Gegner jeglicher Form von Erbgutmanipulation, ist jedenfalls kein Mann, der einer Kontroverse aus dem Weg geht. Im Gegenteil: Er scheint den Streit geradezu auf sich zu ziehen.

Wenn man Rifkin in seinem Büro in der amerikanischen Hauptstadt Washington besucht, mag man gar nicht glauben, daß seine Gegner ihn für die größte Plage halten, mit der die Gen-Wissenschaft zu kämpfen hat. Mit sanftem Blick mustert er seinen Gesprächspartner aus braunen Augen, jede Geste drückt Zuvorkommenheit aus, fast schon zwingend ist der freundliche Ton seiner Stimme.

Daß die Wissenschaftler ihn trotzdem überhaupt nicht ausstehen können, ficht Rifkin wenig an: „Nun ja, ich sage denen immer: Nehmt es nicht so persönlich, denkt mal ein bißchen an das große Ganze. Dies ist nur ein kurzer Moment in der Geschichte. Die Wissenschaftler des zwanzigsten Jahrhunderts nehmen gern die Verantwortung für all die unbestreitbaren Fortschritte auf sich, aber die gleichen Wissenschaftler möchten nicht gern für die Probleme verantwortlich gemacht werden, die uns die Technik beschert hat – den sauren Regen, die Zerstörung der Ozonschicht, die genetische Verarmung in der Landwirtschaft, die Vergiftung von Wasser und Erde. Diese Dinge sind doch mindestens genauso wichtig wie die Wohltaten der modernen Technik. Ich glaube sogar, wenn man das einmal aus einer ganz anderen Zeit heraus betrachtet, werden die Nachteile überwiegen.“ Rifkin ist von Beruf „Aktivist“ – eine Bezeichnung, die im Deutschen keine rechte Entsprechung hat. Seine Kindheit verbrachte er in bürgerlichen Verhältnissen, wuchs auf im Süden von Chicago, studierte an der Universität von Pennsylvania und legte ein Examen in Politikwissenschaft an der Tufts-Universität bei Boston ab. „Wäre der Vietnamkrieg nicht gewesen“, gestand er einem Reporter, „ich weiß nicht, was ich heute täte. Vielleicht wäre ich einen ganz normalen Weg gegangen.“

So aber engagierte sich Rifkin und fand sich bald auf der anderen Seite des Establishments wieder. Um 1977 herum packte ihn die Frage, welche Konsequenzen die neue Technik der Genmanipulation mit sich brachte – eine Frage, sagt er heute, die jenseits aller traditionellen politischen Unterschiede zwischen links und rechts liegt: „Sehen Sie mal, ich bin 43 Jahre alt und in den fünfziger Jahren aufgewachsen. Als ich ein Kind war, dominierten die Petrochemie und die Nukleartechnik. Wir waren so überzeugt von ihrem potentiellen Nutzen, daß es überhaupt keine Kritik gab – keine ökologischen Bedenken, keine Bedenken über die sozialen und ökonomischen Folgen, die das alles mal haben würde, keine ethischen Fragen, nichts. Auch die Gentechnik kommt, wie jede Technik, mit dem Versprechen daher, eine Menge Vorteile zu bieten, von denen einige vielleicht sogar von enormem Nutzen sein könnten. Aber sie bringt auch gewaltige soziale, ökologische und ethische Probleme mit sich. Es ist naiv und nicht gerade sehr geistreich, wenn die wissenschaftliche Gemeinde und die Geschäftsleute und die Politiker uns einreden wollen, daß es hier eine Technik gibt, die nur Vorteile und höchstens vernachlässigenswerte Risiken mit sich bringt. Die Geschichte beweist das Gegenteil. So etwas hat es nie gegeben. Und ich glaube auch nicht, daß die Wissenschaftler naiv sind. Sie sind nur nicht besonders geistreich.“

Wenn Rifkin erst einmal in Fahrt gerät, bremst ihn nichts mehr. Beschwörend redet er auf den Zuhörer ein, reiht Argument an Argument, sein Vortrag reißt ihn mit sich, und man gewinnt den Eindruck, daß eine fast religiöse Überzeugung aus ihm spricht. Rifkin beherrscht den Tonfall amerikanischer Fernsehprediger, und das macht wohl einen Teil seines Erfolgs aus. Allerdings verläßt er sich nicht auf rhetorische Mittel allein: Als Präsident der von ihm gegründeten „Foundation on Economic Trends“ handhabt er virtuos das juristische Instrumentarium in der amerikanischen Gesetzgebung und nutzt konsequent jede Lücke.

So gelang es Rifkin, einen geplanten Freilandversuch mit gentechnisch manipulierten Frostschutzbakterien ( ZEITmagazin Nr. 11, 1988) über Jahre hinweg zu verzögern. Auch das amerikanische Militär machte Bekanntschaft mit dem streitbaren Aktivisten: Ein Versuchslabor für die Erprobung von Impfstoffen gegen biologische Waffen nahe der Stadt Salt Lake City darf vor Abschluß einer Umweltverträglichkeits-Studie nicht gebaut werden. Rifkin ist zuversichtlich, was diesen Fall angeht: „Wir werden dafür sorgen, daß dieses Labor niemals den Betrieb aufnimmt.“ Jüngstes Kind seiner rastlosen Tätigkeit ist eine Klage gegen die amerikanischen Gesundheitsbehörden, die ihre Genehmigung zu umstrittenen Versuchen mit dem Aids-Virus HIV-1 gaben. Rifkin fordert einen sofortigen Stopp dieser Experimente und den Erlaß schärferer Sicherheitsrichtlinien.