Am Anfang war die Ausrede. Adam meinte: „Eva war’s.“ Eva verneinte: „Die Schlange war’s.“ Die Schlange ließ sich nichts einfallen und hat seitdem einen schlechten Ruf. Ausreden sind eben menschlich, jenseits aller Grenzen von Rassen, Klassen, Alter und Geschlecht; Politiker und Kinder benutzen sie (in Wort und Tat) gleichermaßen und gleich häufig: rückwirkende und vorbeugende, kurzfristig wirkende und langanhaltende, faule und frische – die lange Nase, der schwarze Kater, die tote Großmutter und der hungrige Waschbär (mit dem ein Mörder seine Schwiegermutter „verwechselt“ hat).

Ihnen allen widmet sich das Buch der „Ausreden“ von C. R. Snyder, Raymond L. Higgins und Rita J. Stucky (Moderne Verlagsanstalt, Landsberg am Lech, 406 S., 24,80 Mark).

Die Psychologen von der University of Kansas haben sich allerdings die Ausreden nicht ausgeredet. Ihre Ausrede, zugleich Quintessenz jahrelanger Forschungsarbeit: „Nicht alle Ausreden müssen gut sein, aber sie sind auch nicht alle unbedingt schlecht.“ Maßvoll gebraucht, sind sie „nützlich“, ja, sogar „lebensnotwendig“.

„Ausreden sind Erklärungen oder Handlungen, mit denen sich die negativen Elemente eines Verhaltens vermindern oder herunterspielen lassen, um dadurch das positive Selbstbild sowohl für sich selbst als auch für andere nach außen hin zu schützen und aufrechtzuerhalten.“ Um das Image des Erfolgreichen, Intelligenten und Zuverlässigen auch nach einem schlechten Auftritt zu erhalten, leiht man sich eine der drei Grundgarderoben aus dem „Kostümverleih der Ausreden“. Die einfachste Ausführung, mit der man (seit Adam) „unschuldig“ spielen kann: „Ich war’s nicht.“ Denn merke, so William Saroyan: „Jeder Mensch ist ein guter Mensch in einer schlechten Welt.“ Oder man dreht einfach den Spieß herum, setzt zum Beispiel das Opfer herab, die „Schlitzaugen“ im Vietnamkrieg etwa. Je schlechter jemand bei einem Test abschneidet, das haben Untersuchungen ergeben, desto schlechtere Noten gibt er Test und Prüfer.

Variante Nummer drei schließlich: „Ja, aber...“ Hier sind der Phantasie keine Grenzen mehr gesetzt, vom Wetter bis zum Nachbarn ist alles zu gebrauchen. Besonders beliebt sind „die anderen“. Wer allein ist, ob beim psychologischen Experiment oder als Zeuge eines Verbrechens, verhält sich immer verantwortungsbewußter und hilfsbereiter als jemand, der in einer Gruppe steht. „Die anderen“, die ja schließlich auch hätten, haben, konnten, sind schließlich immer potentielle Lieferanten von Ausreden.

Und doch, so meinen die Psychologen, haben Ausreden nicht nur ihre faulen Seiten, schützen sie unser Selbstvertrauen und bewahren uns davor, nach einem Versagen zu resignieren und uns mit Zweifeln zu zerfleischen. Sie verringern (nachweislich!) Angst und Streß, fördern Ausdauer und Risikobereitschaft; ja, so schreiben die Amerikaner, „ohne die Gnade der Ausrede hätten wir vielleicht allzusehr Angst, überhaupt etwas zu tun“. Die Ausrede funktioniert und beruhigt wie ein Notausgang, durch den man vor der Realität fliehen kann; sie ist ein „Gnadengesuch“ („Excuses – Masquerades in Search of Grace“ heißt das Buch im Original), mit dem man verspricht, das grundsätzliche Übel zu beseitigen: „Sobald wir einmal eine Entschuldigung getroffen haben, sind wir in der Lage einen nochmaligen Versuch zu starten.“ Deswegen empfehlen die Psychologen das Erlernen von Ausreden sogar als Teil einer Therapie, um Patienten wieder genügend Selbstvertrauen zu geben, daß sie sich irgendwann schutzlos der Wirklichkeit aussetzen können. Umgekehrt kann auch der ständige Gebrauch von Ausreden Krankheitssymptom sein: bei Neurotikern etwa, die ihr Selbstbild ein paar Meter zu hoch aufgehängt haben.

Dabei ist es auch keine Hilfe, daß Ausreden in den Augen der Autoren keine Lügen sind (der Untertitel der deutschen Ausgabe, „Was unsere ‚großen und kleinen Lügen‘ wirklich bedeuten“, ist daher irreführend). Eine Ausrede „ist nicht falsch“, aber auch nicht richtig, sondern eine subjektive Interpretation der Wirklichkeit. Ob sie mit der „objektiven“ Lage (falls sie sich überhaupt ermitteln läßt, übereinstimmt, ist für die Autoren irrelevant).