Von Christiane Grefe

Neben den gedrungenen, ein Jahrhundert alten und von kleinen Gärten umgebenen Stein- und Backsteintrakten des Institut Pasteur in Paris sieht die molekularbiologische Abteilung unpersönlich aus wie ein im Schnellverfahren hochgezogenes Provinz-Universitätsgebäude. Der biotechnologische Boom habe die schleunige Erweiterung des ehrwürdigen, auf dem Gebiet der Erforschung ansteckender Krankheiten führenden Instituts erforderlich gemacht, heißt es. Weg von klassischer Medizin, hin zur Genmanipulation – so liege das neue Management im Trend.

Innen ist der erste der geplanten Neubauten mit rotem und weißem Kunststoff getäfelt. Wie seltsam wirkt da der Wandschmuck eines Mitarbeiters neben seinem Schreibtisch .. Über Fläschchen und Schälchen, Gläser und Schränkchen, Rohre und Luftabzüge, Flüssigkeiten und elektronische Meßgeräte hinweg blickt fremd und geheimnisvoll Tutanchamun, der Ägypter, in eine andere Welt – als wüßte er mehr von den dubiosen Vorgängen der vergangenen Jahre. Wie die Grabräuber der Pyramiden in den zwanziger Jahren, so erkrankten und starben auch hier, im Herzen von Paris, die Menschen auf bisher ungeklärte Art und Weise – ein neuer Fluch der Pharaonen?

Im Sommer 1984 erfuhr ein Molekularbiologe aus diesem Labor, der noch lebt und ungenannt bleiben möchte, die erschreckende Diagnose: Knochenkrebs. Er hatte mit genmanipulierten Kolibakterien gearbeitet.

Ende 1985 starb ein anderer Mitarbeiter des Instituts, Yves Malpièce, erst 32 Jahre alt – auch er an einer Knochenkrebsart, dem „Ewing-Sarkom“. Er war ein halbes Jahr lang direkt gegenüber beschäftigt gewesen; benachbart lagen ein „Hepatitis B-“Labor und ein toxikologisches Hochsicherheitslabor, wo mit einem sogenannten Mutagenitätstest Materialien auf krebserregende Wirkung überprüft wurden.

Anfang Mai desselben Jahres wurde Franchise Kelly beerdigt. Die Wissenschaftlerin war 50 Jahre alt. Sie starb ebenfalls an Knochenkrebs – hatte allerdings vorher schon an einem anderen Tumor gelitten. Einen Monat später mußten die beiden damaligen Institutsleiter, François Jacob und Raymond Dedondet, zwei weitere Krebsfälle melden. Der sechste gelangte im Juni 1987 an die Öffentlichkeit. Mittlerweile munkeln Pasteur-Mitarbeiter von einem siebten Patienten. Der Fall wurde allerdings noch nicht bestätigt: „Wir sind da nicht auf dem laufenden“, sagt eine Instituts-Sprecherin. Wer dann?

Mindestens sechs von sechzig Kollegen in zwei nebeneinanderliegenden Labors auf der gleichen, damals noch im „Fourneaux“-Flügel liegenden Etage, mindestens fünf von ihnen noch keine 50 Jahre alt, erkranken an meist sehr seltenen Knochenkrebsarten – kann man da noch, wie die Direktoren des Pasteurinstituts 1986, „das einfache Zusammentreffen von Zeit und Raum“, also den blanken Zufall annehmen? Eine Wahrscheinlichkeit von eins zu einer Million errechnete der Pariser Wissenschaftsjournalist Marcel Blanc für diese Häufung. Auch wenn man rund 300 weitere Biologen mit hinzurechnet, die in den letzten zehn Jahren in den Labors beschäftigt waren, bleibt die Krebsrate noch außergewöhnlich hoch. War also ein Gen-Unfall schuld?