Rechtzeitig vor der Reisewelle zu Ostern sind wieder einmal die Verkehrsstatistiken veröffentlicht worden. 1,98 Millionen Unfälle gab es vergangenes Jahr – ein neuer Rekord für die Bundesrepublik. 425 036 Verletzte. 7973 Tote.

Wie immer schon, wird auch diesmal beklagt, daß menschliches Versagen wie erhöhte Risikobereitschaft, Überschätzung des eigenen Leistungsvermögens und mangelndes Verantwortungsbewußtsein die verbesserte Fahrzeugtechnik weitgehend egalisierte. Diese Erkenntnis spricht uns zwar nicht frei, aber rüttelt uns auch nicht auf. Wir gehen einmal mehr zur Tagesordnung über.

Läßt sich denn wirklich nichts tun für weniger Leid auf unseren Straßen? Die Regelverletzungen werden oft mit Unfallursachen einfach gleichgesetzt. Dabei verbergen sich die wahren Ursachen in den Motiven, die zu den Regelverletzungen führen. Die häufigsten Gesetzesverstöße, die Unfälle zur Folge haben, sind seit Jahr und Tag: zu schnelles Fahren; Nichtbeachten der Vorfahrtrechte anderer; Fehler beim Abbiegen, Wenden und Rückwärtsfahren; zu spätes Bremsen oder zu frühes Gasgeben an Ampeln; Unachtsamkeit beim Wechseln der Fahrspuren; Alkohol am Steuer.

Die Motive der Unfallfahrer werden von der Polizei nicht registriert. Sie können in Unachtsamkeit, Unerfahrenheit allgemein oder Unerfahrenheit mit dem neuen Fahrzeug verborgen liegen. Sie können aber auch von Aggressivität und Rücksichtslosigkeit herrühren. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird es eine Mischung sein. Niemand weiß, was überwiegt. Eine bessere Fahrschulausbildung könnte helfen. Wo aber Aggressivität und Rücksichtslosigkeit im Spiel sind, müssen die Ursachen auch außerhalb des Straßenverkehrs gesucht werden.

Im Beruf und in der Politik, in der Wirtschaft und im Sport werden Risikobereitschaft und Wettbewerb honoriert. Wenn das richtige Leben erst beginnt, wenn man vorne ist, sich durchsetzt, kann es da im Straßenverkehr anders sein? Solange immer und überall verheißen wird, der Erste zu sein und stets die Nase vorn zu haben steigere das Lebensgefühl, solange kann der Straßenverkehr wohl kaum eine Insel der Liebenswürdigkeit werden. Wenn die Konkurrenz der schnellsten und stärksten Automodelle sich entfalten will, stehen die Schwachen und Bedächtigen im Wege: der „Fahrer mit Hut“ und die „Frau am Steuer“, der„Opa“ und der „Anfänger“, die „Schlafmütze“ und der „Feigling“. Es ist töricht anzunehmen, daß das Leistungsprinzip auf der Straße durch gutgemeinte Anstrengungen ausgeblendet werden kann. Hier, wo endlich keine Autorität, kein Chef und kein Vorgesetzter mehr hineinredet; wo man alleine in seinem eigenen, technisch perfekten und mit Recorder-Musik beschallten Heim auf Rädern schalten und walten kann wie man will – hier wird der Leistungsantrieb zur Ellenbogenfreiheit. In dieser Welt stören Streifenwagen der Polizei, denn sie behindern die freie Fahrt der freien Bürger. Dafür zahlt man nicht die hohen Steuern an den Staat. Der sollte lieber bessere Straßen bauen. Wen kümmert’s da, wenn das Deutsche Institut für Urbanistik in Berlin dieser Tage feststellte: Je breiter die Fahrbahnen sind und je höher der Hauptverkehrsstraßenanteil in Wohn- und Mischgebieten ist, desto mehr Unfälle gibt es, weil schneller gefahren wird. Die Studie steht der These entgegen, daß gut ausgebaute Straßen die Unfallzahlen senken; sie zeigt, daß die Unfallbilanz auch eine Folge des Anspruchsdenkens im Straßenverkehr ist.

Blicken wir einmal nach Skandinavien: Die Stadt mit den meisten Verkehrsunfällen Schwedens hat eine halb so große Unfallziffer wie die deutsche Stadt mit den wenigsten Verkehrsunfällen. Schweden sind ruhiger und gelassener, auch wenn sie warten müssen. Bei uns ist es üblich geworden, auf die Fehler anderer aggressiv und selbstgerecht zu reagieren.

Und was ist, wenn es kracht? So schlimm ist das doch in den meisten Fällen nicht. Es wird ja nicht immer gleich Tote und Verletzte geben. Und im übrigen hat man eine Rechtsschutzversicherung. Wenn es in der ersten Instanz nicht klappt, die Versicherung zahlt ja weiter und die Verfahrensflut steigt. Siegbert Thiedemann

Der Autor ist Leiter der Polizeiinspektion Flensburg.