Lexikon der Weltarchitektur

Ein Bandwurmsatz, 1929 geschrieben von Günther Wasmuth, im Vorwort eines vierbändigen „Lexikons der Baukunst“, der auch heute wieder zutrifft: „Die Tatsache, daß es seit langen Jahren kein alphabetisches Nachschlagewerk über die gesamten Gebiete der Baukunst gibt, ließ uns den Plan fassen, zu versuchen, ein den Anforderungen der Zeit entsprechendes Lexikon der Baukunst zu schaffen ...“ Der Prestel Verlag hat die Aufgabe angepackt und griff dabei auf einen anderen lexikalischen Klassiker zurück: Ein Wissenschaftlerteam überarbeitete Niklaus Pevsners ehrwürdiges „Lexikon der Weltarchitektur“ aus dem Jahr 1966.

Nun liegt die zweite, ergänzte Auflage vor, und man sollte den Band besser als „Bilderwerk der Weltarchitektur“ ansprechen, denn immerhin 3088 Abbildungen (348 mehr als Stichworte) bringen von „Aaltos Kulturhaus“ in Helsinki bis zur „Zwerggalerie am Dom zu Speyer“ dem Leser Gebautes und Gezeichnetes aus mehreren Jahrtausenden nahe. Mit Tausenden von Facetten wird – auch dem Laien – eindrucksvoll illustriert, was Weltarchitektur ist.

Es sind die Länderartikel (beispielsweise fünfeinhalb Seiten über iranische Architektur, sechs über Spanien), die den anspruchsvollen Begriff „Weltarchitektur“ rechtfertigen. Der Strauß, der dort aufgebunden wird, birgt nicht nur die Rosetten der großen europäischen Kathedralen oder die Blumenranken des Jugendstils. Inbegriffen sind auch die floralen Muster eines Wüstenschlosses Mschatta in Jordanien oder an den shoji der alten japanischen Baukunst. Sie beweisen, daß Architektur sich nicht auf Moderne und Postmoderne beschränkt, sondern daß es außereuropäische Kulturen und die Antike waren, die die wahren Maßstäbe setzten; alles in allem gerade bei diesen Stichworten ein geeignetes Werk für Nichtfachleute.

Reizvoll auch die große Auswahl an architektonischen Fachausdrücken, Erklärungen für „Eierstab“ und „Enfilade, Knorpelwerk“ und „Kolumborium“ sind nachzulesen. Selbst der „Beifried“, der Glockenturm mittelalterlicher Rathäuser aus Flandern, den sich das Wasmuthsche Lexikon aus den zwanziger und dreißiger Jahren gespart hatte, wurde nicht vergessen. So mancher Fachbegriff wird bei Prestel ausführliche! erklärt als bei Wasmuth – und das war so etwas wie der Inbegriff eines Bau- und Architektur-Nachschlagewerks (noch oder gerade heute bezahlt man dafür im Antiquariat vierstellige Beträge).

Das Lexikon des Grandseigneurs der europäischen Bauhistoriker, des deutschstämmigen Sir Nikolaus Pevsner, und seiner Mitarbeiter Hugh Honour und John Fleming hat sich trotz seines Alters von mehr als zwanzig Jahren Kompetenz erhalten, ist ein zuverlässiges Architekturlexikon geblieben, wo auf das Basismaterial der ersten (englischen) Auflage zurückgegriffen wird.

Was eine vernünftige übersichtliche Präsentation der vergangenen zwei Jahrzehnte betrifft, so gab es bisher nur das 1983 erschienene „Hatje Lexikon der Architektur des 20. Jahrhunderts“, es hat wegen seiner opulenten Sprache und seiner manchmal merkwürdig subjektiven Vernachlässigung gewisser Figuren nicht nur Freunde.