Kreml-Führung und Parteipresse räumen Fehler und Versäumnisse ein

Von Johannes Grotzky

Moskau, im März

Ein Jungakademiker ließ seinem Unmut freien Lauf: „Lange, viel zu lange haben wir hochnäsig behauptet, daß eine nationale Frage in der Sowjetunion nicht existiert.“ Seine Empörung ist nicht ungewöhnlich, sie wird von vielen Sowjetbürgern geteilt. Doch in diesem Fall sorgte das publizistische Umfeld für die Brisanz einer solchen Äußerung. Denn in selbstkritischer Absicht druckte die Regierungszeitung Iswestija den Brief eines gewissen A. Garibow nach, der aus Erfahrung spricht. Garibow ist ein aserbeidschanischer Russischlehrer, der zur Zeit seinen Wehrdienst in Turkmenistan absolviert. Offen klagt er an, was von der satirischen Literatur bis zum Unterhaltungsfilm in der Sowjetunion gepflegt wird: nämlich das Negativ-Image des vermeintlich typischen Südländers, des Kaukasiers, der als Schwarzhändler und Schieber, als Schwindler und Betrüger das Land verunsicherte. Nach dem Motto, daß nicht sein kann, was nicht sein darf, so die vehemente Klage, habe man die Probleme zwischen den Nationalitäten mit schönen, aber leeren Worten von der Völkerfreundschaft bemäntelt.

Wochen nach den tragischen Zusammenstößen zwischen Armeniern und Aserbeidschanern suchen die sowjetischen Medien krampfhaft nach einem Weg, wie man die Ereignisse öffentlich behandeln kann, ohne die bestehenden Tabus zu verletzen. Denn Schilderungen von Mord und Totschlag wurden bislang ebenso von der Zensur verhindert wie eine mögliche Aufrechnung, welche Nation in dem jüngsten Streit mit wie vielen Opfern am meisten gelitten hat. Aber auch die schlichte Wahrheit über den hunderttausendfachen Protest der Armenier und deren Begehren wurde wegen des verordneten Informationsvakuums durch wuchernde Gerüchte ersetzt.

Unter sowjetischen Fernsehzuschauern machte sich Sarkasmus breit: „Das einzig Zuverlässige, was wir aus Armenien erfahren“, so eine Stimme, „ist die Wetterprognose am Ende der Nachrichtensendung.“ Korrespondenten fühlten sich in die Zeit vor glasnost zurückversetzt und bemühten sich verzweifelt, aus Informationen aus zweiter und dritter Hand herauszufiltern, was geschehen sein könnte. Die wenigen authentischen Fernsehbilder wurden mangels anderer Informationen zum Ursprung farbiger Reportagen, die weltweite Verbreitung fanden. Drei Bürgerrechtler dienten fast der gesamten westlichen Presse, allen voran den führenden Nachrichtenagenturen, als Gewährsmänner.

Die staatlichen Restriktionen leisteten den inoffiziellen Nachrichten Vorschub. Die Lage wurde undurchschaubar, als weitere Streikdaten genannt, aber nicht eingehalten wurden. Die Quellen aus Armenien versiegten durch einen beliebten Kunstgriff der Staatsmacht. Telephonate mit Mitgliedern des Komitees Karabach in Eriwan dauerten nur noch Sekunden, bis ein kurzes Klicken die Leitung unterbrach. Um so mehr war die sowjetische Öffentlichkeit auf ein Datum fixiert, das als „armenisches Ultimatum“ sogar von den staatlichen Massenmedien registriert worden war. Vier Wochen nach einer Begegnung von Parteichef Gorbatschow mit armenischen Schriftstellern erwarteten die Demonstranten einen positiven Bescheid über ihre Forderung, Nagornyj-Karabach an Armenien anzuschließen. Andernfalls sollte ein dreitägiger Generalstreik die Republik lähmen.