Von Ben Witter

Berlin-Grunewald, Schleinitzstraße... Den Namen hat man ihr nach einem Forstmeister gegeben. Ob der vielleicht von Schleinitz hieß? Aber dann wäre das "von" ja noch da. Beim Blick aus seiner weiträumigen, möblierten Parterrewohnung in einer zweistöckigen Villa schätzte Mr. Stone den Kaufpreis der sanierten dreistöckigen Villa gegenüber auf vier bis fünf Millionen Mark. Kalkulieren kann er, war Geldholer bei der Ford-Stiftung und steckte 13 Millionen Mark in den Bau der Freien Universität. Seine Farm in Vermont, USA, wo genug Eichen stehen, um sich deutsche Romantik vorzumachen, schnappte er sich, nach heutigen Verhältnissen, für einen Schleuderpreis. Sparsam ist er, ohne sich an gediegenem Luxus vorbeizuschummeln.

Er hatte einen Gehpelz angezogen – und zeigte mir die Mottenlöcher. Sie fielen aber gar nicht auf. Wollte er sich mit diesem Überzieher ein Stück der zwanziger Jahre umlegen, Stimmung machen für die Zeit, als Berlin sein Leben bearbeitete und ihm den passenden Zuschnitt gab? Was rührt da nicht und scheint gewichtig. Gleich hatten wir’s: Die umgebaute Residenz des fast vergessenen Bankiers Mendelssohn; unbeschädigt renoviert dagegen die Scheune auf dem Terrain. Doch es lohnte sich nicht, hier länger in die Vergangenheit hineinzureden: Sie ist durchlöchert von klotzmodernen Pusselbauten.

Stone spricht Deutsch wie ein Deutscher, aber sein amerikanischer Tonfall soll sagen: Das bin ich auch, ein unverwechselbarer Amerikaner. Mit der Pelzmütze auf dem Kopf erschien er mir plötzlich wie ein würdiger, eher selbstvergessener Impresario, der sich wieder einmal vergewissern muß, was hinter ihm liegt. An geeigneten Stellen seines Redeflusses setzte er auch Wehmut ein, ob beim Stop vor dem Denkmal Rathenaus, dort, wo er erschossen wurde, oder bei späteren Wohnsitzbetrachtungen der Familien S. Fischer, Stinnes und Flick. Shepard Stone sprach vom Berlin der Jahrhundertwende, als es zum geistigen und industriellen Mittelpunkt der Welt heranwuchs. Hieß es schließlich nicht in der Gründerjahren-Blüte: Seht alle mal her, jetzt kommen wir.

Es war um null Grad und feucht, und ich sollte ihn Shep nennen. Das würde alles einfacher machen. Dadurch brachte er auch seine Erinnerungen in Schwung. Und der Mann aus Noshua, New Hampshire, war wieder unterwegs im Brodelkessel Berlin von 1929 bis 33, sah sich in Symphoniekonzerten und Galerien, Furtwängler dirigierte, die "blauen Picassos" wurden ausgestellt, und die Friedrich-Wilhelm-Universität bestand auf Begabung, Fleiß und Ausdauer. Ja, und in der Französischen Straße tanzten drei Girls in einem Cabaret ohne was, mit einer von ihnen tanzte er nachher sogar, die war unter ihrem Kleid auch nackt, und draußen lungerten Männer herum, die sich wie Frauen angezogen hatten und auch so taten.

Mottstraße, Martin-Luther-Straße, Nollendorfplatz ... Aus Furcht, er könne sein Leben in allen möglichen Berliner Bars zubringen, machte er dann doch seinen Doktor über die deutsch-polnischen Grenzbeziehungen und die Bevölkerungsprobleme im 19. Jahrhundert... In der Meinekestraße 26 hatte sie gewohnt, bei ihren Eltern, seine große Liebe. Eineinhalb Jahre jünger als Shep; bürgerlich-liberal, die Familie Hasenclever, aber der Dichter Walter Hasenclever gehörte nicht dazu. Täglich gingen die beiden Ecke Joachimsthaler Straße an zwei Prostituierten vorbei, die sich auf Masochisten und Sadisten spezialisiert hatten, das konnte man sehen. Und was machten die, als Shepard Stone Fräulein Hasenclever gerade geheiratet hatte? Sie gratulierten, und ein bißchen Wasser war in ihren Augen.

Shep Stone nahm seine Pelzmütze ab, der Haaransatz hinten verschob sich: "Wenn ich liebe, konzentriere ich mich, mit 80 Jahren arbeite ich noch, und daß ich bald aufhöre, geschieht freiwillig. Ich trinke nicht zuviel und rauche Pfeife, und wenn ich schwärme, dann nur von Berlin und von Frauen. Und von meiner Frau schwärme ich am meisten." Der Ex-Journalist der New York Times wußte, wie man es macht: Das Menschliche gehört nach vorn. Und was das Geheimnis Berlins und der Berliner ist? Stone faßte sich an den Kragen: "Ein massives Durcheinander, das fast das Unwägbare im Vorgestern, Gestern und Heute, eine gewisse Arroganz, genau genommen oft schlechte Manieren und die Schonungslosigkeit, das fesselt mich, ebenso der Witz, die lässige Verderbtheit und das Achselzucken, ganz nach dem Motto: Anything goes. Berlin-New York, so weit sind die beiden wirklich nicht auseinander. Und das Allerneueste immer, na, wo denn sonst, das macht die Welt an der Spree. Das wär’s."