Von Susanne Kippenberger

Die Mainzelmännchen werden dieser Tage 25 Jahre alt: sechs pummelige Zwerge, geistig auf der Höhe von Zweijährigen. „Bis in den letzten Negerkral und das letzte Kulturhaus‘ in Sibirien sind sie vorgedrungen“, schwärmt die Bunte. Diese Biedermännchen, „Markenzeichen des ZDF“ (so das ZDF), bürgen für die wichtigsten Werte des Mainzer Senders: Kontinuität und Tradition. Seit ihrer Geburt am 2. April 1963 sind sie nur dicker und bunter geworden.

Ja, fast könnte man sagen: Sie sind das ZDF; das silberne Jubiläum feiern sie gemeinsam. Jene Redakteure, die vor 25 Jahren Tag und Nacht durcharbeiteten, um genügend Programmvorrat bei Sendebeginn am 1. April zu haben, wurden bald „die Mainzelmännchen“ getauft. Eine „sprachwitzige Bezeichnung“, findet der Sender noch heute. Dann kam Wolf Gerlach und zeichnete sie, die Mainzelmännchen. Und wie jeder Bundesbürger über vierzehn weiß (bis auf die 2,4 Prozent, die die Männchen bei der letzten Umfrage nicht kannten), ist Gerlach ein sehr realistischer Maler der alten Schule. Er verfremdet nicht. Anton ist so geschickt und elegant wie Wim Thoelke, Berti so lustig wie Pfarrer Sommerauer, Nesthäkchen Conni so fortgeschritten wie Richard Löwenthal, Brillenträger Det so intelligent wie Professor Brinckmann, Edi schlau wie Ede Zimmermann und Fritzchen so originell wie Dieter Thomas Heck. Ihr Witz ist so sprühend, subtil und hintergründig, wie man es von einer ZDF-Serie – mit über 13 000 farbigen Episoden die erfolgreichste – gewohnt ist.

Ein Vierteljahrhundert sind sie alt – und kein bißchen weise geworden. Wenn die Mainzelmännchen ein Buch aus dem Regal ziehen, schweben dichte Staubwolken durch den Raum. Sprechen können sie nicht, nur brabbeln, kichern und quäken. Einmal sollten sie reden lernen, in einer ZDF-Sendereihe mit dem Titel „Döing Pfiff Tröööt“. Aber das ist wohl etwas schwierig. Na ja, ein Lausbub mit strubbeligem Haar hat wohl auch anderes in seinem dicken Kopf. Einen Fernseher zum Hähnchengrill umzufunktionieren, zum Beispiel: Als Narren haben die Mainzelmännchen die Freiheit, sich solche Späßchen zu erlauben.

In einem Alter, in dem andere längst eine eigene Familie gegründet haben, stecken sie noch immer in Strampelhosen, tragen Schürzchen und Zipfelmützchen, die wie Schlafmützen aussehen und erledigen ihre Geschäfte auf dem Pinkelpott. Alles, was einem zu ihnen einfällt, scheint sich auf -ich zu reimen: niedlich, herzig, goldig. Sie sind klein, ihr Herz ist rein, die Seele nicht schmutzig – ist das nicht putzig? An Sex und Politik denken sie nicht, und Mainzelmädchen, die ja gefährlich werden könnten, werden vom ZDF gar nicht geduldet. Bloß: So werden aus Männchen nie Männer werden. Fernsehopfer sind sie, typische Vertreter jener neuen Spezies Mensch, die der amerikanische Medienwissenschaftler Neil Postman entdeckt hat: „In der Ära des Fernsehens gibt es drei Lebensstufen: am einen Ende das Säuglingsalter, am anderen Ende die Senilität und dazwischen das, was wir als den Kind-Erwachsenen bezeichnen können. Der Kind-Erwachsene ist ein Mensch, dessen intellektuelle und emotionale Fähigkeiten sich im Laufe seiner Geschichte nicht entfaltet haben“: die Mainzelmännchen.

Diese Riesenbabys sind „die größten Babysitter der Bundesrepublik“ (Die Welt). Begeistert erzählt eine Mutter, daß sie ihren Jungen immer vor die Mainzelmännchen setzt: dann ißt er sein Quarkbrot. Wie meinten doch die Psychologen zum Volkserziehungsprogramm des ZDF „Die Zuschauer fühlen sich durch die niedlichen, süßen, verschmitzten Mainzelmännchen in eine Kinderwelt zurückversetzt, die deshalb so große Attraktivität besitzt, weil sie letztlich so wohlbehütet ist.“ Und wie heißt doch die bekannte Redewendung, mit der man droht, jemanden kleinzukriegen: „Dich mache ich zum Heinzelmännchen.“

Die Mainzelmännchen atmen den Geist der Zeit. Sie sind tüchtig, Anhänger der Sechstagewoche, sauber und ordentlich – bevor sie durch den Wald spazieren, malen sie sich erst einen Weg.