Martin Luther Kings Vision harrt weiter der Erfüllung: Obwohl ihre Bürgerrechte gestärkt wurden, sinken viele schwarze Amerikaner ins Elend

Von Dieter Buhl

Atlanta, im März

Die verfallenen Gemäuer des ehemaligen "Lorraine"-Motels in Memphis werden nicht mehr lange an den Schreckenstag vor zwanzig Jahren erinnern. Auch die obdachlose Frau, die sich dort eingenistet hat, kann die Bulldozer nicht mehr aufhalten. Der Abriß des Hauses ist beschlossene Sache. Umstritten ist nur noch, was mit dem freiwerdenden Grundstück geschehen soll. Es geht darum, ob dort ein Geschäftsgebäude errichtet wird oder vielleicht doch eine Gedenkstätte für Martin Luther King, der am 4. April 1968 auf einem Balkon des Hotels von einem Heckenschützen ermordet wurde.

Der Mord in Memphis hat viele Rätsel aufgegeben. Der Täter, James Earl Ray, wurde nach einer intensiven Fahndung gefaßt und zu einer lebenslänglichen Gefängnisstrafe verurteilt. Doch bis heute blieb unklar, ob er auf eigene Faust oder im Auftrag finsterer Hintermänner geschossen hatte. Auch die Haltung des Opfers gab Fragen auf. Der Pfarrer Martin Luther King war erst 39 Jahre alt, als ihn die tödliche Kugel traf. Dennoch bewegten ihn offenbar Todesahnungen, denn am Vorabend des Attentats schien er bereits Abschied zu nehmen von dieser Welt und von seinen Freunden: "Was immer auch passieren mag", gab er ihnen fast tröstlich zu verstehen, "hat jetzt keine Bedeutung mehr. Ich habe auf dem Gipfel des Berges gestanden."

Allerdings wurde die Gefahr, in der sich der schwarze Gottesmann befand, jedem bewußt, der mit ihm zu Beginn der sechziger Jahre sprach, in der hohen Zeit seines Kampfes für Rassengleichheit und soziale Gerechtigkeit. Der untersetzte Vorsitzende der Southern Christian Leadership Conference wirkte sehr verletzlich, trotz seines breiten Brustkorbs und seiner kräftigen Arme. Sein winziges Büro in den heruntergekommenen Schwarzenvierteln von Atlanta konnte keine Sicherheit bieten vor den draußen lauernden Bedrohungen. Obwohl von hier soviel der Bewegung ausging, die Amerika erschütterte und veränderte, war dies kein Refugium eines Volkshelden. Ein designierter Märtyrer schien in den Zimmern mit den kühlen grünen Wänden und dem gleißenden Neonlicht zu sitzen. Hier schöpfte ein Prediger Atem, suchte ein Glaubender immer wieder Zuspruch in den vielen Büchern Gandhis, Tillichs, Kants und Schleiermachers, die in den Regalen hinter dem Schreibtisch aufgereiht waren.

Relikt aus großen Tagen