Von Michael Eggert

Die Deutsche Gesellschaft für Humanes Sterben (DGHS) setzt alles daran, „Sterbehilfe“ zum Sensationsthema zu machen. Sie entschuldigt sich damit, nur eine öffentliche Diskussion entfachen zu wollen, um zu einer – gesetzlichen – Veränderung zu kommen. Sie packt bewußt ein heißes Thema an, aber verbrennt sich juristisch – leider – nicht die Finger. In allen öffentlich ausgeschlachteten Fällen haben sich die Opfer das Gift selbst zugeführt; die Bereitstellung, die Beihilfe zum Selbstmord ist wie der Suizid selber nicht strafbar. Was hier also propagiert wurde, ist die legale Möglichkeit. Und angeboten wird sie Schwerstbehinderten, die sich scheinbar selbst kaum bewegen können.

Um die Entscheidung(sfindung?) möglichst authentisch vorzuführen, zeigen die „frischen“ Opfer dem zu beeindruckenden Zuschauer alle körperlichen Ausfallerscheinungen, die ihnen im bisherigen Leben unbekannt waren. Was dem Fernsehpublikum ebenso unbekannt war und bleibt, sind die konkreten Erfahrungen von uns Behinderten im Umgang mit unseren Behinderungen, vor allem die mit der behindernden Umwelt und den daraus von uns abgeleiteten Forderungen. Aber davon ist in den Horror-Videos nicht die Rede, kann es auch gar nicht. Das einzige, was aus dem bisherigen Leben der – erst durch einen Unfall – querschnittgelähmten Frau gezeigt wird, ist ein Photo von einer sportlichen Englisch-Studentin im Bikini; und niemand fragt sich, warum man noch nie eine rollstuhlfahrende Frau im Bikini gesehen hat, geschweige, warum man die Vorstellung Rollstuhl und Bikini unangebracht findet.

In den Augen von Nichtbehinderten scheint ein behindertes Leben ein „unmögliches“ zu sein, und ein kurzer Tod scheint (zum Greifen) nahe zu liegen. Das ist die Botschaft! Hat nicht der Anführer der DGHS in einer Talk-Show gesagt: „...warum zweifelt man nicht im Gegenteil an der Klarheit des Verstandes von demjenigen, der unter diesen Bedingungen weiterleben will!“? Deshalb die Postum-Interviews und die Diskussionsrunden im Fernsehen mit Originaleinspielungen über das „Unmögliche Leben“. Deshalb das Bild einer Frau, die gerade mit dem Strohhalm die ätzende Brühe schlürft. Alles legal. Keine Ermittlungen wegen Pornographie, Gewaltverherrlichung, nicht wegen Volksverhetzung oder Paragraph 129a. Und schon gibt es Nachahmer.

Erinnern wir uns: Früher hieß die Einstiegsdroge zur Sterbehilfe „Patienten-Testament“, dem die DGHS juristische Geltung verschaffen wollte. Da waren es gleich die anderen, die Vollstrecker des – nicht mehr direkt bekundbaren – Willens. Es konnte aber der Vorwurf nicht entkräftet werden, daß diese anderen die Verfügung mißbrauchen könnten, etwa so: „Der Patient hat nicht alles vorausahnen können; bestimmt hätte er, wie wir, die Lage als unerträglich beurteilt...“ Das war zu nahe an der Realität spärlicher Kliniken, wo der junge Mann auf der Trage im Flur behandelt wird, während drinnen die schon 72jährige noch im „Intensivbett“ liegt. Ich höre die DGHSler schon rufen: „Nein, das war die falsche Interpretation.“ Noch „überlagert“ von der „unseligen“ Zeit, wo von Staats wegen bewertet und ermordet wurde, was unwertes Leben war. Heute sollen Betroffene selbst bestimmen, was lebenswert ist, vielmehr was ein „unmögliches Leben“ ist. Als Maßstab dient ihnen zwar ein Leben ohne Behinderung, aber ein Urteil über ihre Lage kann doch eine – von Behinderung plötzlich – Betroffene am „authentischsten“ treffen und per Video übermitteln, schließlich kennt sie ja beide „Zustandsformen“.

Die modernen, aufgeschlossenen Befürworter höre ich sagen, die Behinderten haben selbst von den vielen Mißständen gesprochen; und diese unmöglichen gesellschaftlichen Zustände sind für sie ja noch viel schlimmer. Und die Machtpolitiker analysieren, daß es ein naiver Traum von uns sei, je genügend Pflegegeld auf die Hand zu bekommen, um uns eine Pflege zu kaufen, wo wir bestimmen, wann und wie wir zu Bett gehen. Denn der Sozialminister Blüm spart schon jeden weg und gibt doch zu, daß im Jahr 2000 nicht genug Geld da ist, und Berlins Sozialsenator Fink fällt in den prophetischen Gesang ein: Es werden dann nicht genügend Kräfte da sein, die Alte und Behinderte pflegen wollen. Mit anderen Worten, die Zeit ist noch nicht reif für ein selbstbestimmtes Leben, wir sehen ein, wir erwarten zu viel von euch Nichtbehinderten. Solchen Nichtbehinderten kann ich nur raten: Verzichtet auf uns und seid ganz konzentriert auf euer Leben, lebt es heftig aber schnell. Und jetzt lest nicht weiter. Der Rest ist nur für Behinderte bestimmt.

Wir Behinderte müssen uns beherrschen, uns nicht dem neuen Rechtfertigungsdruck und der voyeuristischen Neugier beugen. Alles, was Nichtbehinderte durch Aussonderung in der Schule und danach versäumt haben, können wir nicht nachholen. Setzt Euch nie mit ihnen über ein Thema wie die Sterbehilfe auseinander, von dem sie keine Ahnung haben.