Fragen Sie mal einen Mitteleu-

ropäer aus der trendgerechten Gruppe der neuen Leistungsträger, was ihm zum Stichwort Ostern einfällt. Christlicher Feiertag? Auferstehung des Fleisches? Oder sentimentale Reminiszenzen an Jugendtage: Nester bauen im Garten? Schokoladenhasen unterm Kanapee?

Nichts von alledem. Statt dessen wird der Angesprochene eine Liste touristischer Nah- und Fernziele vortragen, die jeden Reiseveranstalter freudig erregen dürften: „Ostern? Gott ja, die Osterinsel: ganz spannend, aber etwas abgelegen. Nein, wir waren letztes Jahr über Ostern in St. Moritz: untertags Ski, abends chichi, fabelhaft. Wir haben uns ganz toll erholt und viel Spaß gehabt, und deswegen haben wir Paris überhaupt nicht vermißt, wo wir sonst immer waren.“

Er zündet sich eine Zigarette an (American Blend): „Bien sûr, Paris ist eigentlich unschlagbar, oh là là, aber an Ostern ist es dort einfach gräßlich, lauter Touristen, sie kommen in schrecklichen Bussen aus allen Richtungen angefahren, aus Bad Oldesloe und Bottrop, terrible, wenn Sie verstehen, was ich meine. Non, Paris ist etwas für zwischendurch, auf einen Sprung zum Shopping, aber nichts an Ostern.“

Also ist wieder St. Moritz angesagt? „Ach nein, das ist uns dieses Mal zu stressig, der Skizirkus, der ganze Trubel. Nein, wir brauchen ein wenig Ruhe, den Gleichklang mit den Elementen. Wir fahren heuer nach Sylt: untertags Spaziergänge am Meer, abends noch mehr Spaß. Alle Freunde sind da, mein Lieber, alle, denn Sylt zu Ostern, das hat Stil.“ Er zieht das zusammengerollte Wall Street Journal aus der Tasche, tippt mich damit aufmunternd an – „Bis dann also, auf der Insel!“ – und entschwindet.

Ja, die Insel. Im Geiste sehe ich die Oster-Karawane den Strand entlangwanken: ein endloser Zug gelber und roter Windjacken, deren Träger sich erst den Elementen und dann ihresgleichen hingeben, in irgendeiner Bar. Ich sehe Trecks, die ins österliche Hochgebirge ziehen: in roten, gelben und sonstweichen Overalls, die eigenen Bretter schon geschultert. Ich sehe eierförmige Fleischklopse am Strand von Teneriffa schmoren, in der Mitte aufgebläht, nach oben hin sich verjüngend, jeweils – abhängig von Sonneneinstrahlung – rostrot bis schwarzbraun.

Und mir fallen die Kinder solcher Oster-Pilger ein: Kinder, die zu Ostern nicht die ganze Wohnung auf den Kopf stellen dürfen, Kinder, für die der Osterhase farbenfrohe Öljacken beziehungsweise Overalls trägt, Kinder, deren größtes Osterei der rotbraune Bierbauch des Strandnachbarn ist.