Der Brief an die tschechoslowaki- sche Botschaft in Bonn klang freundlich, die Bitte um eine Forschungsgenehmigung war ausführlich begründet. Für eine Studie zur Geschichte der Waffen-SS, schrieb der Militärhistoriker Bernd Wegner, wolle er die Akten des Kriegsarchivs der Waffen-SS auf Schloß Zasmuky nahe Königgrätz auswerten. Die Botschaft fertigte den jungen Forscher mit einem zweizeiligen Schreiben ab: Weder auf Schloß Zasmuky noch anderswo in der Tschechoslowakei gebe es ein Kriegsarchiv der Waffen-SS.

"Jeder weiß, daß dort Unterlagen sein müssen, aber trotzdem wird total gemauert. Da ist nichts zu machen", erkannte Bernd Wegner und gab auf. Das war im Mai 1977. Tatsächlich wäre jeder weitere Versuch zwecklos gewesen – und er ist es bis heute. "Nach unserer Kenntnis hat kein bundesdeutscher Historiker das Schloß je von innen gesehen", weiß Hans Booms, der Präsident des Bundesarchivs.

Das tschechische Schloß gilt als eines der letzten bedeutenden Aktenlager zur Geschichte des "Dritten Reiches", das westlichen Forschern bis heute vollkommen verschlossen ist. Über den Inhalt der Akten in der Tschechoslowakei rätseln Historiker seit Kriegsende. Bekannt ist lediglich, daß Unterlagen des Reichskriegsgerichts und das Kriegsarchiv der Waffen-SS im Frühjahr 1941 in das abgelegene Schloß ausgelagert und bei Kriegsende nur teilweise vernichtet wurden. Die Unterlagen müssen noch heute in der Tschechoslowakei verwahrt werden. Denn zur Strafverfolgung von NS-Gewaltverbrechern durften ermittelnde Staatsanwälte nach Prag reisen. Dort wurden ihnen einzelne Dokumente aus Schloß Zasmuky vorgelegt.

Mit ihrer forschungsfeindlichen Haltung stehen die tschechoslowakischen Behörden nicht allein. Auch die DDR und vor allem die Sowjetunion sperren sich noch immer dagegen, bundesdeutsche Historiker alle Dokumente aus ihren Beständen auswerten zu lassen. Vierzig Prozent aller unbeschädigten Archivalien und Behördenregistraturen sollen bei Kriegsende in russische Hände gefallen sein, heißt es in einem Bericht des Bundestages aus dem Jahr 1950. Welche Akten noch heute in der Sowjetunion liegen, können Historiker nur vermuten.

Bundesdeutsche Wissenschaftler dürfen russische Archive zur Erforschung der NS-Vergangenheit gar nicht erst betreten. Gleichzeitig hat es die Sowjetunion bis heute vermieden, Bestandsübersichten der beschlagnahmten Dokumente zu veröffentlichen oder Mikrofilme anzubieten. Offiziell heißt es, alle Beuteakten seien längst an die DDR zurückgegeben worden und dort der Forschung zugänglich. Tatsächlich sind bis 1961 etwa drei Millionen Akten an das Zentrale Staatsarchiv der DDR in Potsdam abgegeben worden. Aber seit vielen Jahren erhalten Historiker immer wieder Hinweise darauf, daß trotzdem noch interessante Dokumente in russischen Archiven schlummern. DDR-Forscher berichten, erbeutete Wehrmachtsakten seien sofort von der Roten Armee nach militärischen Gesichtspunkten ausgewertet und mit Kommentaren versehen worden. Die Russen wollten daher die vermischten Bestände nicht mehr trennen und hielten sie weiter unter Verschluß. Ob diese Unterlagen für die Geschichte des Zweiten Weltkrieges nen wird der Zugang verwehrt.

Kooperativ zeigen sich russische Behörden nur, wenn sie von der "Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen" in Ludwigsburg um Mithilfe bei der Verfolgung von NS-Gewaltverbrechern gebeten werden. Dann treffen in der Bundesrepublik Kopien von Akten ein, die es nach offizieller Lesart in der UdSSR gar nicht mehr geben dürfte. So stellte sich heraus, daß im Archiv der Oktoberrevolution offenbar Unterlagen des Reichspropagandaministeriums, des Reichssicherheitshauptamtes und der Präsidialkanzlei verwahrt werden.

In mühsamer Kleinarbeit haben westliche Historiker versucht zu rekonstruieren, welche Registraturen und Archivalien 1945 von der Roten Armee erbeutet wurden. Die historisch wertvollsten fanden die russischen Soldaten kurioserweise in einem Gebiet, das zunächst von den Amerikanern besetzt worden war: in einem Bergwerk bei Schönebeck an der Elbe und in einem Schacht bei Staßfurt. Don hatten das Geheime Staatsarchiv Berlin-Dahlem und das Reichsarchiv Potsdam ihre Archivalien ausgelagert. Noch im April 1945 trafen immer wieder Transporte ein. Die US-Soldaten interessierten sich nicht für die Aktendepots. Sie beschlagnahmten zunächst nur die Behördenregistraturen des NS-Staates, um Kriegsverbrecher verurteilen zu können. Diese Unterlagen würden später in den Nürnberger Prozessen verwandt oder in Alexandria im US-Bundesstaat Virginia verfilmt. Die ansonsten von den Amerikanern erbeuteten deutschen Akten sind heute – mit Ausnahme des Document Center in Berlin – Teil des Bundesarchivs oder des Militärarchivs in Freiburg.