Unterricht in der Hauptschule – alle leiden: die ausländischen Schüler, die deutschen und die Lehrer

Von Reinhard Meise

Flau, Ploduktionsfaktolen, was ist das?“ fragt Sindy ihre Lehrerin im Arbeitslehreunterricht. „Aber, Sindy“, sagt Frau Sch., „das haben wir doch schon vor vierzehn Tagen gehabt. Nun schau mal in deine Arbeitslehremappe, dort mußt du einen Eintrag über das Thema haben.“ Sindy hat absolut keine Erinnerung an diesen Begriff. Sie schweigt ein wenig verschämt und wird so schnell nicht mehr nachfragen, wenn sie ein Wort der Lehrerin nicht versteht. Sindy stammt aus Hongkong. Ihre Eltern haben ein China-Restaurant in der Nähe der Schule. Sindy gehört zu den besseren und wenigen wohlerzogenen Schülerinnen und Schülern der 8c, einer Hauptschule in einer süddeutschen Großstadt.

Wen hat Frau Sch. noch in der Klasse?

Einen Tschechoslowaken, David, seit vier Monaten in Deutschland. Er spricht gebrochen Deutsch, kann Deutsch kaum lesen und schreiben. Zwei Rumänendeutsche, Markus und Niko. Markus kann sehr gut Deutsch und kommt gut mit. Niko ist seit sieben Wochen in Deutschland, kann kein Wort Deutsch, hat kyrillisch lesen und schreiben gelernt, ist seelisch völlig blockiert und verstört, die Schulbücher wirft er weg, möchte immer fortlaufen, aber sein Vater schlägt ihn grün und blau.

Das Mädchen aus Eritrea, Nidjat, läuft gern barfuß und trägt afrikanische Tracht. Sie ist sehr lieb, lebhaft und temperamentvoll, wohnt mit der Mutter und vier Geschwistern im nahegelegenen Asylantenheim, spricht gebrochen Deutsch, hat Arabisch lesen und schreiben gelernt, von rechts nach links, gibt sich unendlich viel Mühe mitzumachen, aber es gelingt ihr noch nicht viel. Mit der 15jährigen Heuwan aus Äthiopien versteht sie sich nicht. Heuwan ist auf abenteuerliche Weise der Hungerkatastrophe und schlimmen Kriegserlebnissen entflohen, die Eltern sind verschollen, sie lebt im Heim. Sie spricht ganz, gut Deutsch, ist aber an der Schule nicht mehr interessiert, ist ganz Frau, für unsere Verhältnisse überreif und erwachsen, schreibt während des Unterrichts Liebesgedichte und Tagebuch in ihrer Muttersprache, war in der Heimat auf einer weiterführenden Schule, hält die Hauptschüler wegen ihres aggressiven Verhaltens für verrückt.

Jeder kämpft gegen jeden