Von Ernst Hess

Für den Osterhasen – das müssen wir leider gleich zu Anfang sagen – ist Zermatt alles andere als ein leichtes Pflaster. Denn mit bunten Eiern darf man dem verwöhnten Publikum am Matterhorn nun weiß Gott nicht kommen, es sei denn, der Hofjuwelier Fabergé hätte sie in Gold und Diamanten gefaßt. Kein Wunder also, daß sich Kinder und Erwachsene am Ostersonntag mit der „Eierleset“ kaum aufhalten und österliches Brauchtum auch sonst in der Walliser Skimetropole keine Spuren hinterlassen hat.

Die Touristen, vornehmlich aus der Bundesrepublik, kümmert das allerdings herzlich wenig. Sie haben nämlich alle Hände voll zu tun, um sich auf den Sonnenterrassen über dem Nobeldorf die besten Plätze zu sichern. Man glaubt ja gar nicht, mit wieviel Streß das verbunden sein kann, seitdem Zermatt auch für die Schweizer, Liechtensteiner und Bayern wieder so richtig „in“ ist. Das führt dann dazu, daß beispielsweise bei Enzo gegen Mittag zwei Drittel aller Tische und Stühle telephonisch reserviert sind. Wer dann vom Patron mit Handschlag begrüßt oder von Frau Josy persönlich an seinen Platz geleitet wird, der hat es wirklich zu etwas gebracht im Leben.

Nun ist Enzos „Hitta“ im Weiler Findein keine Berghütte im eigentlichen Sinne. Eher eine Kulisse für Trenker-Filme oder Werbespots, mit sonnengeschwärzten Schindeln und einem unverbauten Blick aufs Matterhorn. Hier treffen sich die Reichen und Geschönten zum Brunch, wie das Katerfrühstück seit einiger Zeit in gehobenen Kreisen heißt. Doktor Wichtig und Direktor Protz sind natürlich da, auch Frau Chic und Herr Smart, die sonst immer nach St. Moritz fuhren, als es noch nicht so schrecklich „out“ war, Ostern nach St. Moritz zu fahren. Wir erkennen an der Hauswand – im sogenannten Prominenteneck – ohne Schwierigkeiten einen Präsidenten aus Vaduz (vielleicht heißt er Stüssi), den Herrn über ungefähr 200 Briefkästen. Weil er die dazugehörenden Firmen so geschickt verschachtelt hat, kann der braungebrannte Präsident bei Enzo auch leichten Herzens die Modefarbe der Saison bestellen: Rose. Champagner gibt es zwar in allen Preisklassen und Geschmacksrichtungen auf der Hütte, aber in diesem Frühjahr trinkt die feine Welt eben Rose (von Perrier-Jouet natürlich – aber bitte nicht weitersagen).

Wir wollen gerne zugeben, daß wir jeden Mittag auf der Terrasse von Enzo und Josy Andreatta verbrachten, mit einer für einen eher unterbezahlten Journalisten nicht ganz ungefährlichen Beharrlichkeit. Die Filetstreifen auf Feldsalat in einer eleganten Sauce Vinaigrette hatten es uns besonders angetan. Nicht eben billig, aber von allerbester Qualität. Natürlich auch die Fettuccine alla Panna, mit Schinkenwürfeln und frischem Basilikum, die Spaghetti auf zartrosa Lachs, die Mousse au chocolat und die heißen Apfelküchlein mit Vanillesoße und ... Lassen wir das, sonst kommt eines Tages auch hoch Wolfram Siebeck vorbei und verdirbt die Preise. Die sind zwar bei Enzo nicht gerade moderat, entsprechen aber in gesunder Relation dem Niveau der Küche.

Das Ambiente am Fuß des Matterhorns ist ohnehin unbezahlbar. Man parkt die Skier an einer kleinen Kapelle aus dem 17. Jahrhundert und steigt zwischen aufgelassenen Heustadeln und winzigen Chalets hinunter zur Hütte. So man zu den Glücklichen zählt, die ohne Reservierung Gnade vor Enzos Augen finden, kann einem das Leben – zumindest an diesem Tag – nichts mehr anhaben. Dabei gebe es sicher Anlässe genug, auf der Terrasse über die schreiende Ungerechtigkeit der irdischen Vermögensverteilung zu meditieren. Warum hat der etwas korpulente Anlageberater aus Düsseldorf gleich zwei bildhübsche Blondinen neben und eine Magnum „Veuve Cliquot“ vor sich? Wieso bleibt der schönste Tisch neben der Eisbar 58 Minuten reserviert und unbesetzt, bis ein unscheinbares Ehepaar vom Patron mit Küßchen begrüßt und zum Bleiben genötigt wird? Eben noch haben wir die beiden auf der schwarzen Hohtälli-Piste in Grund und Boden gefahren, ihnen und all den anderen VIPs gezeigt, wo es langgeht in Zermatt. Doch niemand nimmt auch nur den Hauch einer Notiz von uns. Vielleicht fehlt die Blancpain am Handgelenk, die mit den Brillanten ums Zifferblatt natürlich, denn unter normalen Blancpains und Cartiers tut’s hier ohnehin niemand. Kann aber auch sein, daß unser Outfit (im Vorjahr für teures Geld bei „Jet-Set“ erworben) schon wieder total veraltet ist. Sowas merken die richtigen Zermatter und ihre Stammgäste halt sofort.

Nein, käme der Osterhase in diesen Tagen wirklich zu Enzos „Hitta“, wären alle Tische bestimmt schon reserviert. Glücklicherweise steht weiter oben in Findein ein Gasthaus, wo die Gesichtskontrolle nicht gar so streng praktiziert wird. Selbst als schlichter Skihase hat man gute Chancen auf einen Platz bei „Vroni“, obwohl die urgemütliche Hütte natürlich auch von der Schickeria und ihren Adabeis frequentiert wird. Statt Austern und Gänseleber gibt es köstliche Älplermakkaroni oder Käsegratin. Und das hausgemachte Trockenfleisch schneidet Maria Julen so zart, daß man die Silhouette des Matterhorns deutlich erkennt, wenn man hindurchschaut.