Walter Dirks „Gesammelte Schriften“: ein hervorragendes zeitgeschichtliches Dokument

Von Bernd Sösemann

Zu den bedeutendsten Presseorganen in der ersten Nachkriegszeit gehörten die Frankfurter Hefte. Die ersten Jahrgänge dieser Zeitschrift für Kultur und Politik gaben Eugen Kogon und Walter Dirks heraus. Beide waren etwa Mittvierziger, verstanden sich als katholische Christen und Sozialisten. Kogon kam aus dem Konzentrationslager Buchenwald; Dirks hatte in der Frankfurter Zeitung bis zu ihrer Einstellung im Sommer 1943 im Feuilleton publiziert.

Die Frankfurter Hefte wollten geistige Grundlagen für einen Neuanfang und nicht nur für einen Wiederaufbau schaffen. „Wir werden um Klarheit sehr bemüht sein“, hieß es in der ersten Nummer, „aber der Leser wird sich ebenfalls anstrengen müssen. Die gängige Phrase, das Nebelwort, das man so leicht einsog und rasch aus dem Hirn wieder verdampfen ließ, hat die Atmosphäre des Denkens verdickt.“ Die Leser sollten nachdenklich gemacht werden, denn allein aus der Nachdenklichkeit könnten überzeugende Entscheidungen und der Mut zum Nein und der noch größere Mut zum Ja hervorgebracht werden: „(...) wir möchten die Kraft des Herzens und des Geistes, die dazu gehört, mit Einsicht nähren. Das klärende und nährende Wort, das hier zu lesen sein wird, soll vom christlichen Gewissen bestimmt sein; die Welt aber, auf die es sich bezieht, ist nicht etwa ‚das Religiöse‘, sondern die ganze, vielschichtige, reiche, arme Wirklichkeit.“

Und „Sagen, was ist“

Der kürzlich erschienene vierte Band der „Gesammelten Schriften“ von Walter Dirks ist der erste von insgesamt acht Bänden, die das publizistische Schaffen eines der bedeutenden Journalisten Deutschlands darbieten sollen. Von den drei Herausgebern hat sich insbesondere Karl Prümm fachwissenschaftlich und speziell auch als Editor mit einer Studie zu „Walter Dirks und Eugen Kogon als katholische Publizisten der Weimarer Republik“ und dem wiederveröffentlichten Roman Erik Regers „Union der festen Hand“ bekannt gemacht. Die Herausgeber setzen mit den pazifistischen Aufsätzen des zwanzigjährigen Dirks kurz nach dem Ersten Weltkrieg (1921) ein, wollen mit dem nächsten Band zu Recht einen Akzent auf die politische Publizistik in der Endphase der Weimarer Republik (1930-1933) legen und die Feuilletons aus der nationalsozialistischen Zeit in einem dritten Band zusammenfassen. Im Anschluß an den hier anzuzeigenden Band wird noch in diesem Frühjahr unter dem Titel „Sagen, was ist“ das publizistische Œuvre von 1950 bis 1967 dokumentiert. Im 6. Band werden Aufsätze zu Theologie und Kirche abgedruckt; an ihn schließen sich Beiträge zu Kultur und Bildung an. Der Abschlußband „Für eine andere Republik“ soll autobiographische Texte sowie Berichte über persönliche und politische Erfahrungen der letzten dreißig Jahre bündeln.

Der bis heute .ungemein produktive Autor, Jahrgang 1901, studierte Theologie, Soziologie und Philosophie. Bis 1934 arbeitete er als Journalist bei der Rhein-Mainischen-Volkszeitung in Frankfurt; schrieb daneben für die Wochenzeitschrift Deutsche Republik und für den Friedenskämpfer, die Zeitschrift des Friedensbundes der deutschen Katholiken. 1933 verhafteten ihn die Nationalsozialisten vorübergehend, gestatteten es ihm jedoch zwei Jahre später, in der Frankfurter Zeitung zu arbeiten. Nach 1945 versuchte er nicht nur mit den Frankfurter Heften auf die Neugestaltung Deutschlands Einfluß zu nehmen, sondern auch auf parteipolitischer Ebene. Er beteiligte sich nämlich an der Gründung der hessischen CDU. Die deutsche Öffentlichkeit lernte ihn jedoch weitaus gründlicher als innenpolitischen Kommentator des Südwestfunks (1948-1957) und als Leiter der Hauptabteilung Kultur des Westdeutschen Rundfunks kennen. Für gut drei Jahre (1953-1956) arbeitete Dirks am „Institut für Sozialforschung Frankfurt“ und gab mit Theodor W. Adorno die Frankfurter Beiträge zur Soziologie heraus. Vor knapp drei Jahren erzielte Dirks’ Gedenkrede zum 8. Mai 1945 – sie erschien sogleich im Druck unter dem Titel „Gedächtnis und Erinnerung“ – ebenfalls ein großes Echo. Darin plädierte er für eine kritische Erinnerung an den Tag der Niederlage, an die Stunde der Kapitulation und die Situation der Befreiung. Wie bereits 1955 hielt er es auch dreißig Jahre später für sinnvoll und politisch möglich, auf „drei potentielle historische Kräfte sehr europäischer Prägung“ zu bauen: das Christentum, das Erbe der Arbeiterbewegung und den bürgerlichen Liberalismus im Sinne des französischen Verständnisses vom „citoyen“, also des politisch informierten und aktiven Staatsbürgers. Sein politisches Credo lautet unverändert: „Die Wirkung von Konvergenzen auch verschiedenartiger Entwicklungen müßte die Energien dieser drei Traditionen politisch bündeln und wirksam machen, auf einem dritten Weg zwischen Ost und West, im Dienst eines integrierten Europa, das keineswegs nur mit einer Stimme, aber auch mit einer Stimme spricht.“