Ist die Kunst so viele Messen wert, wie momentan für sie inszeniert werden? Die Antwort ist einfach: Solange Interessenten kommen und kaufen, machen die Galerien mit, ist die Kunst eine Messe wert. Basel, Köln, Paris, Chicago, Madrid. Da muß man dabeisein. Auch wenn die Galeriearbeit zu Hause leidet. Diese Messen sind aufregend. Als ob man mitten in einem riesigen internationalen Verschiebebahnhof der zeigenössischen Kunst stünde. Die Sinne sind überfordert, wie bei jeder Massenveranstaltung. High durch Kunst. Ohne diese Adrenalinstöße des Kulturbetriebs geht es scheinbar nicht mehr.

Eingeweihte wissen, daß es jesusartige Fähigkeiten braucht, um diesen Zeitgeist-Enthusiasmus für die Kunst auch im schönen, spröden Hamburg zu entzünden. Der Schweizer André B. Affolter muß etwas davon haben. Dreimal hintereinander hatte er die Kunstmesse „Forum“ in Zürich organisiert. Doch Basel war zu nah. Die Hamburger Messehallen boten sich an. Und Affolter gelang mit dem viertägigen Probelauf der Kunst an der Alster am vergangenen Wochenende ein kleines Wunder. Gegen alle Widerstände: der ungünstige Osterferientermin, (an dem Hamburger mit Geld in Davos, St. Moritz oder Marbella weilen), die laue Kooperationsbereitschaft der hanseatischen Kunstinstitutionen und die bekannte Langsamkeit der Behörden.

Zur Eröffnung aber strömten mehr als 10 000 Menschen. So viele Besucher zur selben Zeit am selben Ort. Und alles der Kunst wegen. Das hat es in Hamburg – wir sind hier nicht in Köln, Berlin oder München – noch nicht gegeben. Fußball, wo bleibt dein Sieg?

Eine nicht gerade überwältigende, aber schöne Messe. Darüber waren sich alle einig. Hundert Galerien aus zwölf Ländern stellten jeweils einen Künstler vor. Dieses Konzept der one-man-show ist publikumsfreundlicher, ausstellungswirksamer und kunstgerechter als das Gemischtwarenladen-Prinzip aller anderen Messen. Entschiedener als anderswo liegt der Akzent bei „Forum“ auf der aktuellen, der jungen Kunst. Da beginnen die Preise auch schon bei 600 DM und steigen nicht in astronomische Höhen. Das Motto heißt: sehen, was heute wichtig ist, kaufen, was morgen nicht mehr bezahlbar ist.

Zu sehen war, daß momentan eine junge Galerienszene aus dem Boden schießt, die entschieden und mutig eine nicht marktkonforme Kunst vertritt. Dörrie Priess (Hamburg), Inter Art (London), Kacprzak (Stuttgart), Sonne (Berlin), Tolksdorf (Hamburg), Werth (Frankfurt), Zwinger (Berlin). Das sind Beispiele für Galerien, die bei „Forum“ Profil zeigten und – bei einem Standpreis von 9000 DM, der höher liegt als in Köln – auch große Risikofreude.

Bei den zweiundzwanzig italienischen Galerien, die nach Hamburg kamen, gab es viel mediterrane Buntheit, nicht selten nahe am Kitsch. Bei den neun Galerien aus USA war das Neue oft das Alte. Ein postmodernes de ja vu. Wie die Messe überhaupt bestätigte, daß die Kunst momentan die verschiedenen Strömungen des zwanzigsten Jahrhunderts repetiert.

Eine schöne Messe ist noch keine erfolgreiche Messe. Was zählt, sind die Verkäufe und vielleicht noch die neuen Kontakte. Anfang Mai will André B. Affolter sagen, ob „Forum“ in Hamburg wiederholt wird. Rückenwind erhielt der Kunsttest an der Elbe zu Beginn durch die Nachricht, daß der Kölner Architekt Oswald Mathias Ungers jetzt mit der ersten Baustufe der Hamburger Museumsinsel beginnen kann. 50 Millionen liegen bereit. Die restlichen 30 Millionen sollen folgen. Anne Brenken