Frankfurt: „Roy Lichtenstein. Die Zeichnungen 1961-1986“

„Pop-art“, hat Lichtenstein einmal gesagt, „sieht in die Welt hinaus.“ Die Welt, das ist das „Zwirnknäuel“, „Brot und Marmelade“, „Treteimer mit Bein“, das sind die Bilder von Männern, die männlich, von Frauen, die immer blond und emotional sind, das Gesicht flach und gut lesbar, wie das Zifferblatt einer Uhr. Die Klischees, die Stereotypen des Alltags, sind die Stoffe des Pop-Künstlers Roy Lichtenstein, der sich Anfang der sechziger Jahre die Sprache des Comics und der Werbung aneignete. Mit seiner Nähe zum Gegenstand, die allerdings – andererseits – Distanzierung beim Betrachter herausfordern kann, ist Lichtenstein sicher vom Grundsatz her kein Mann der Gesellschaftskritik. Und gerade wenn man ihn in der Frankfurter Ausstellung der Zeichnungen (die Zeichnung ist Lichtensteins arbeitstechnische Basis seines Bild-Entwurfs) in einer großen Überschau erlebt, dann wird man ihn nicht als einen kritischen Kommentator der Zeit mißverstehen. Denn schon sehr bald wendet sich sein Interesse von den Bildfeldern der Konsumwelt ab und gänzlich der schönen und hohen Kunst zu. Picasso und Matisse, Surrealismus oder Expressionismus parodiert er in der Manier der Comic Strips; ein von der technischen Bild-Reproduktion abgeleitetes formales Raster entwickelt Lichtenstein zum Stil, in dem er flächendeckend und gleichbleibend ironisch die Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts durchspielt. Die Kompositionen funktionieren vorzüglich, und die Folge der „Künstlerateliers“ bildet mit ihren gehäuften Selbstzitaten schließlich den Auftakt für die motivisch verdichteten, stark verkomplizierten Bildmuster der letzten Jahre. Mit Vorliebe zeigt sich Lichtenstein jetzt als ein Meister im Zusammenbinden mächtiger Zitatenmengen. Schon als man ihn in früheren Tagen noch gern als den ästhetischen Widersacher und Anti-Künstler apostrophierte, war er gewiß, daß die, wie er sagte, „formale Aussage“ seines Werkes sich mit der Zeit verdeutlichen würde. Er hat für diese Deutlichkeit nach Kräften gesorgt: Mit bald 65 Jahren ist er der Routinier eines Stils, den er in einer ebenso rauhen wie kurzen Pop-Periode begründet hat. (Schirn Kunsthalle bis 1. Mai; Katalog 35 Mark)

Volker Bauermeister

München: „Georges Braque“

Fast genau fünfundzwanzig Jahre nach der Retrospektive im Haus der Kunst, die durch Braques Tod ganz unprogrammgemäß zur Gedächtnisausstellung wurde, präsentiert die Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung erneut das Werk des Malers. Nach Meinung des Veranstalters ist die „unter weitaus schwierigeren Bedingungen“ zustandegekommene Ausstellung ein Unternehmen „von gleicher Bedeutung und Qualität“ – ein Eigenlob, das auf ziemlich wackeligen Beinen steht, denn offensichtlich ist es, anders als damals, diesmal nicht gelungen, eine Reihe von Arbeiten auszuleihen, ohne die Braques Weg vom Revolutionär zum Klassiker nicht richtig deutlich wird. Es fehlen die für das Verständnis von Braques Auffassung des Kubismus entscheidend wichtigen Akte und Landschaften aus den Jahren 1907/08, die zeigten, daß er früher und konsequenter als Picasso auf die lineare Perspektive verzichtete. Es fehlen im Grunde auch über jeden Einwand erhabene Beweise, daß Braque beim Projekt Kubismus eben nicht der Juniorpartner Picassos war, sondern ein eigenständiger Erfinder, für den die Erfahrungen bei der Herstellung seiner kubistischen Bildstruktur zeitlebens prägend blieben. Picassos Ansatz war vergleichsweise induktiv, der Braques deduktiv, seine Stilleben, die Werke also, welche die Quintessenz von Braques Kunst enthalten, demonstrieren, daß er mit dieser Methode die Konkretisierung des jeweils Besonderen anvisierte, die unmittelbare Präsenz der mit ihrer Umgebung verwobenen Gegenstände. Wo ihm dies mißlang (und die Ausstellung spart nicht an Beispielen), fehlt seinen Bildern die cartesianische Klarheit, die die Faszination dieser Kunst ausmacht. Braques Malerei ist undramatisch, sie verzichtet auf effektvolle Gesten, konzentriert auf das Sichtbarmachen der geheimnisvollen Beziehungen zwischen einfachen Dingen, die in seinen Stilleben eine poetische Existenz führen. Die Werkstatt des Malers wird in den späten Atelier-Bildern zur Chiffre von Welt – der Vogel, der in diesen Bildern auftaucht, ist Phönix oder Totenvogel. Symbol der Dauer oder da Vergänglichen. Vielleicht bezeichnet er auch nur das Geheimnis, das in dieser Malerei offenbar wird. (Hypobank bis zum 15. Mai, Katalog 49,80 Mark, im Buchhandel 78 Mark)

Helmut Schneider

Wichtige Ausstellungen