Von Marcel Pott

Halabja/Irak, im März

Leichen bedecken zu Hunderten die Straßen. Köpfe, Arme und Beine schauen zwischen den Trümmern zerstörter Häuser hervor. Tote Mütter halten ihre leblosen Kinder in krampfhafter Umarmung; Frauen und Männer sitzen wie Wachsfiguren hinter dem Steuer ihrer Autos, wo sie der Tod ereilt hat. Über der Szene lastet drückend der süßliche Geruch der Verwesung. Der Tod hat keinen Winkel der Kurdenstadt Halabja im Nordosten des Irak verschont.

Diese grauenhaften Bilder und Eindrücke übermittelten westliche Journalisten in der vergangenen Woche aus dem irakischen Teil Kurdistans. Mit Hubschraubern waren sie in das Gebirgstal nahe der internationalen Grenze geflogen worden, nachdem iranische Revolutionsgardisten und irakisch-kurdische Rebellen die Stadt Halabja in tagelangen Kämpfen erobert hatten. In Teheran bestätigten zwei gefangene irakische Offiziere den Journalisten, daß ihre Luftwaffe das Stadtzentrum und die umliegenden Dörfer mit chemischen Waffen bombardiert habe. „Am 16. März um die Mittagszeit erschien über Halabja ein einzelnes Flugzeug aus westlicher Richtung. Es warf eine oder mehrere Bomben ab, und sofort zogen weißgelbe Schwaden durch die Straßen. Alle mußten sterben.“ So berichtete ein Mann, der das Inferno am Rande seiner Heimatstadt überlebt hat. In Teheran sagten medizinische Spezialisten, die Wolke habe eine Mischung aus Senf- und Zyanidgasen enthalten. Hunderte von Opfern sind über eine Luftbrücke in die Krankenhäuser Teherans evakuiert worden.

Britische, amerikanische und italienische Journalisten sprachen mit Patienten, deren Verletzungen eindeutig auf Gasvergiftungen beruhen. Alle Verwundeten litten an Verbrennungen der Haut und der Augen und hatten große Mühe zu atmen. Iranische Militärs und Vertreter der kurdischen Rebellen schätzen, daß zwischen viertausend und fünftausend Einwohner von Halabja bei dem irakischen Angriff ums Leben gekommen sind und eine ähnlich hohe Zahl von Zivilisten verletzt wurde. Diese Angaben lassen sich nur schwer überprüfen.

In der kurdischen Stadt Halabja lebten vor einem Jahr noch rund siebzigtausend Menschen; heute gleicht sie einer Geisterstadt. Etwa die Hälfte der überwiegend kurdischen Bevölkerung war im Mai 1987 geflohen, als die irakische Armee einen Aufstand blutig niedergeschlagen hatte. Während der jüngsten Kämpfe suchten viele Bewohner Zuflucht in den umliegenden Bergen. Die Zurückgebliebenen aber fielen den todbringenden Giftgasen zum Opfer. Auch wenn Bagdad die Verantwortung für den Massentod der irakischen Kurden zurückweist, so spricht doch vieles für die Berichte, daß der Irak durch den Einsatz von Senfgas und Zyanid die regimefeindliche Bevölkerung bestrafen wollte. Seit langem behaupten kurdische Widerstandsgruppen, die mit dem Iran verbündet sind, daß die irakische Armee chemische Waffen gegen kurdische Zivilisten einsetze, um die Kontrolle über Kurdistan zurückzugewinnen. Außerdem ist bekannt geworden, daß der Irak viele kurdische Dörfer dem Erdboden gleichgemacht und deren Bewohner in Lager zwangsumgesiedelt hat.

Trotz äußerster Härte gegen die Rebellen konnte der Irak aber nicht verhindern, daß sie zusammen mit iranischen Truppen im Norden erhebliche Geländegewinne erzielten. Während die Weltöffentlichkeit den unerbittlichen „Städtekrieg“ und den wiederaufgeflammten „Tankerkrieg“ verfolgte und Beobachter in der Region eine neue Großoffensive des Iran im südlichen Abschnitt vor der irakischen Hafenstadt Basra erwarteten, stießen die Revolutionsgarden im gebirgigen Kurdistan vor. Am Wochenende befanden sie sich nach Meldungen von Radio Teheran weiter auf dem Vormarsch und standen nur noch acht Kilometer vor einem Kraftwerk am See Darbandikhan, das Bagdad mit Elektrizität versorgt.