All den Streiks zum Trotz hatten die Mailänder in Scharen ihre Stadt verlassen. Um dem Winter zu entfliehen, flogen sie aus nach Mauritius, in die Karibik, auf die Malediven. In Mailand kam man endlich wieder zügig voran. Jetzt wütet erneut der Verkehr, und überall sieht man supergebräunte Gesichter, die dank spezieller Lampen ihre Bräune auch noch behalten: diese für Mailand ganz und gar untypische Farbe, eine Mischung aus Jod, Braten und Leder.

Die Heimkehrer erzählen ihre unausstehlich langweiligen Geschichten. Über die Spaghetti, die es nun auch dort gibt. Über das Korallenriff. Über die Farbe der Fische. Und über die festliche Begrüßung der später eingetroffenen Mailänder, die (schließlich war der Dollar im Keller, liefen die Geschäfte wirklich sehr schlecht) immer sofort gefragt wurden: „Wie steht’s an der Börse?“ Kaum sind sie wieder zurück in Mailand, geht das Gejammer über diese grauen Regentage los, die so verdammt gefährlich sind für die Bronchien, für die Nase, für die Nebenhöhlen.

Die Frauen („Ich bin rundum gebräunt, als hätten sie mich am Spieß gedreht“), diese Frauen über 40, die den Mut nicht haben, in Würde alt zu werden, rennen heutzutage mehr denn je in die Schönheitskliniken. Auf die Mundpartie muß Kollagen, damit die kleinen Runzeln verschwinden; das Doppelkinn muß weg; ein Lifting muß her, partiell oder total. Dergestalt verwandelt treffen sich die Freundinnen wieder, das winzige Köpfchen auf dem gestrafften Körper. Ihr Lächeln ist irgendwie anders, aber auch ihr Gesicht hat einen unangenehm neuen Ausdruck, und die Ehemänner behaupten, ihre Frauen hätten sich auch innerlich verändert – zum Schlechten.

Manche lassen sich in Mailand oder Rom verjüngen; die ganz flotte Biene fliegt nach Rio de Janeiro zum großen Yves Pitanguy. Er hat vor vielen Jahren bereits in Rom gehobelt, geschnitten, verkleinert, verfeinert und Ex-Schönheiten sowie mindestens einem Dutzend unserer Schauspielerinnen ein neues Gesicht verpaßt. Heute operiert der Magier in seiner Heimat, und die namhaftesten Mailänder Patientinnen werden auf seine üppig bewachsene private Insel zur Erholung eingeladen (es gibt dort 600 verschiedene Vogelarten). Von seiner Insel sagt Pitanguy: „Ich habe sie modelliert wie eine Frau, und ich habe ihre Kurven respektiert.“

Die Frauen, die noch nicht in dem Alter sind, da sie ein neues Gesicht brauchen, gehen in die Judo-, Karate- oder Bodybuilding-Schule, um sich gegen die derzeit florierende Kleinkriminalität wehren zu können. Gegen die jungen Burschen, die sich, auf Handtaschendiebstahl spezialisiert, vor allem in der U-Bahn und ihrer Umgebung herumtreiben. So weit ist es schon gekommen, daß die Lautsprecher in kurzen Abständen irgendwelche Warnungsdurchsagen krächzen. Anscheinend gibt es auch schon schmächtige Mädchen, die sich zu verteidigen wissen: Wohin sie den kräftigen Kniestoß plazieren, wie sie geschickt ein Bein stellen müssen, um wieder in den Besitz ihrer Handtasche zu kommen, während der Ganove zu Boden geht.

Doch Mailand hat weit größere Probleme. Mittlerweile erstickt diese Stadt in ihrem Müll. Man bedenke bloß, daß die fast neun Millionen Einwohner der Lombardei jährlich drei Millionen Tonnen Abfall produzieren (und es werden immer mehr). Und wie viele Mülldeponien gibt es? An die zehn dürften es sein. Für die nächsten fünf Jahre sind 50 Mülldeponien vorgesehen – aber wo sollen sie angesiedelt werden? Und wo die bereits geplanten Anlagen zum Einsammeln all des Mülls?

Man fragt sich, warum diese Probleme jetzt schlagartig hochkommen. Aufgetaucht sind sie erst, als der neue Umweltminister Giorgio Ruffolo die Einzugsgebiete der Flüsse Lambro, Olona und Seveso zu verseuchungsgefährdeten Zonen erklären ließ. Nun gut, aber brauchte es dazu einen neuen Minister? Seit Jahren schon beschweren sich die Mailänder über diese schaurig schäumenden Gewässer. Über die Abfälle aller Art, über ihren bestialischen Gestank. Aber alles blieb, wie es war. Denn im Mensch-ärgere-dich-nicht der Politik landet man oft wieder im Startfeld, scheitert man an den Hürden der Machenschaften, Intrigen, leeren Versprechungen, ja vielleicht auch an undurchsichtigen Schmiergeldaffären. Erst vor kurzem gab es wieder zermürbende Konflikte, Nächte der langen Messer, als ein neuer Gemeinderat gewählt werden mußte. Und die von Zweifeln, Apathie und Nachlässigkeit befallenen Politiker wollen einfach nicht einsehen, daß es keine Moral im Land geben kann, wenn es sie nicht einmal für die Umwelt gibt.