Von Franziska Hundseder

Ihre historischen Vorbilder sind die „Hitler-Jugend“, der „Bund Deutscher Mädel“ und die SS. Ihre Leitidee ist der germanische Mensch, ein rassereines Nordland und der wehrhafte Kampf für Deutschland. Die „Wiking-Jugend“ (WJ) – nach eigenen Angaben die „größte volkstreue Jugendbewegung Europas“ – beginnt mit ihrer erzieherischen Arbeit im Sandkasten und hört auf bei den Kampfgemeinschaften der Heranwachsenden. Aber auch Eltern und Großeltern können im Sinne des WJ-Bekenntnisses zu einer umfassenden „Lebensgemeinschaft auf völkischer Grundlage“ Mitglieder sein.

Im Zentrum ihrer jugendpflegerischen Aufgabe, so sagt die Bundesführung, stehe die „Brauchtumspflege“. Doch es sind seltsame Bräuche, die bei den Zeltlagern der germanischen Jungschar herrschen: Wehrkampf, Nachtmärsche und Mutproben geben den Eindruck eines paramilitärischen Übungslagers. Zum letzten Mal probte die „Wiking-Jugend“ in der Neujahrsnacht 87/88 den Aufstand „des erwachenden Deutschland“.

Unterstützt von Gesinnungsfreunden aus den Niederlanden, Österreich und der Schweiz, versammelten sich zweihundert Wikinger im unterfränkischen Fladungen-Leubach zum mitternächtlichen Fackelzug. Sie stellten sich militärisch geordnet auf, drei Trompeter bliesen das Signal, und anstelle des vom Landrat verhinderten Mahnfeuers wurden 42 Raketen abgebrannt – „für die 42 Jahre seit Bestehen der Mordgrenze“. Dann schallten Nazi-Lieder und die erste Strophe des Deutschlandliedes durch den kleinen Ort, bis die verspätet eingetroffene Polizei den neo-nazistischen Aktionen endlich ein Ende bereitete.

Während die Jugendorganisationen der großen Parteien von Nachwuchssorgen geplagt werden, freut sich die „Wiking-Jugend“ über sprunghaft steigendes Interesse, vor allem unter den 15- bis 20jährigen. Auf diese Altersgruppe konzentriert sie ihre Mitgliederwerbung. Mit Flugblattaktionen vor Schulen, dem Extra-Wikinger und dem Schülermagazin Gäck wendet sie sich an gelangweilte Teenies.

„Das Magazin mit dem gewissen Feeling“ – so der Untertitel der Schülerzeitung – erscheint jährlich mehrmals in einer Auflage von 15 000 Exemplaren. Regelmäßig wird darin zum Denunziantentum aufgefordert und der Rassenhaß geschürt. Für beides gibt es in der Bundesrepublik und gerade leider auch in den Schulen längst wieder bereiteten Boden: „Kein Bock auf Unterricht? – Dann hilft der neue Gäck-Provo-Aufkleber! Einfach aufs Pult backen, und wenn Freund Pauker dann ‚Rote Pauker raus aus unserer Schule!‘ liest, fällt er garantiert in Ohnmacht! Kleiner Nachteil: Das funktioniert natürlich nur bei Paukern, die als Linke bekannt sind.“

Als raffinierte Mixtur aus Abenteuerschilderungen und Nordlandideologie, neofaschistischer Politik und Lagerberichten präsentiert sich der Wikinger, die Vierteljahreszeitschrift des braungefärbten Jugendbundes. Neben „allerlei Spiel und Brauch zur Weihnachtszeit“ wird Hitlers Chefpilot, Hans Baur, zum neunzigsten Geburtstag gratuliert, der sich auch gleich „in alter Verbundenheit“ bedankt. Daneben empfiehlt die „Wiking-Jugend“ als Zusatzlektüre den Adler der „Jungen Nationaldemokraten“, das rechtsextreme Hetzblatt Sieg aus Österreich, Die Bauernschaft des „Auschwitz-Lüge“-Autors Thies Christophersen und die Unabhängigen Nachrichten aus Bochum. „Mit diesen Zeitschriften kann man den Schulunterricht – und des Paukers Nerven – herrlich ‚würzen‘ “, empfiehlt der Wikinger, und sie sind eben auch leider ganz einfach zu bekommen.