Hamburg

Nun kann es jeden Augenblick geschehen, daß der Hamburger Wirtschaftssenator Wilhelm Rahlfs seine Drohung in die Tat umsetzt und dem vom vorigen (SPD-)Senat erworbenen und gefeierten, vom jetzigen (SPDFDP-)Senat nur noch als Last empfundenen "Schwan des Südatlantiks" den Hals umdreht, kurzum, zu Schrott machen läßt. Da vom 1. April an kein Geld mehr für die Erhaltung des Schiffes im Etat vorgesehen ist und der Vertrag mit der Bewachungsgesellschaft im April zu Ende geht, muß man um seine Existenz bangen – um "eine Hamburgensie ersten Ranges".

Gegenstand der Befürchtungen ist die "Cap San Diego", ein knapp zehntausend Tonnen großes Seeschiff, letztes Exemplar einer berühmten, ehemals der modernsten, wahrscheinlich der schönsten Serie von sechs Stückgutfrachtern, die die traditionsreiche Reederei Hamburg-Süd besessen hat. Die "Cap San"-Serie war der Höhepunkt einer etwa hundert Jahre währenden Epoche der Seeschiffahrt – nach den schnittigen Windjammern und vor den plumpen Containerschiffen.

Kurz vor dem Verschrotten ausfindig gemacht, hatte der Hamburger Senat die "Cap San Diego" für nicht ganz zweieinhalb Millionen Mark gekauft, einen günstigen Preis, gemessen am überraschend guten Zustand und am historischen Wert. Am 31. Oktober 1986 ließ er das Schiff mit eigener Kraft von Cuxhaven nach Hamburg fahren. Die 250 Ehrengäste an Bord genossen seine Heimkehr wie einen Triumph für die Stadt, am Ufer jubelten die Hamburger zu Tausenden.

Es war ohne Zweifel eine exquisite Erwerbungfür den achthundertsten Geburtstag des Hafens, der 1989 gefeiert werden soll: das Paradebeispiel eines intakten Industriedenkmals, das sich ohne großen Aufwand in ein Museum verwandeln ließe, hervorragend dafür geeignet, Schiffahrts-, Werften-, Arbeits- und Hafengeschichte anschaulich zu machen. Hamburg hätte sich einbilden können, eine Dependance des Deutschen Museums München zu besitzen. Im vorigen Jahr wurden Außenwand und Deck dauerhaft restauriert und gestrichen; seit September haben schon über dreißigtausend Besucher das Schiff besichtigt; es war Ort für über hundert Veranstaltungen, Kulisse für Kino- und Fernsehfilme. Eine kleine, in ihr Schiff vernarrte Wach- und Arbeitsmannschaft ist unermüdlich damit beschäftigt, es nach Kräften weiter zu entrosten, zu streichen, zu reparieren, die Besichtigung zu erleichtern.

Die großen Gefühle, die das einzigartige Schiff beileibe nicht nur in Hamburg und an den Küsten weckt, sind ja berechtigt. Die 1962 in Betrieb genommene "Cap San Diego" – 160 Meter lang, 21 Meter breit – hat fast ein Vierteljahrhundert Stück- und Kühlgut, Süßöle, Felle, aber auch Passagiere (jeweils zwölf in vier Doppel- und vier Einzelkabinen) über den Südatlantik transportiert. Sie gehörte zu den technisch modernsten, schnellsten, sparsamsten Seeschiffen – und zu den schönsten ihrer Zeit. Ist die – einst von Hamburg verschmähte, seitdem in Travemünde liegende – "Passat" ein Glanzstück unter den Großseglern, so ist die "Cap San Diego" der letzte noch erhaltene Star unter den Dampf- und Motorschiffen.

Sie hat Technikern wie Kaufleuten Bewunderung abgenötigt, den nautischen Ästheten aber blankes Entzücken. Der in diesem Metier erfahrene Hamburger Architekt Cäsar Pinnau hat hier nicht, wie sonst üblich, nur die Inneneinrichtung entworfen, sondern zusammen mit den Ingenieuren auch die Gestalt des Schiffes. So kam es zu seiner außergewöhnlich eleganten, eher an Luxusyachten (deren etliche Pinnau für Ölmagnate und Scheichs entworfen hat) als an Kombischiffe erinnernden Silhouette.