Seit Jahren verschwinden NS-Akten aus dem Document Center

Von Karl-Heinz Janßen, Thomas Kleine-Brockhoff und Michael Sontheimer

Ein Staatsanwalt kommt selten allein. Als Detlev Mehlis am 11. Dezember 1987 das Bürohaus am Neuen Wall Nr. 75 in der Hamburger Innenstadt betritt, bringt er zwei Kriminalpolizisten mit. Das Interesse der drei Beamten gilt dem „Hanseatischen Auktionshaus für Historica Hüsken und Schäfer oHG“, das im vierten Stock residiert. André Hüsken und Armin Schäfer wollen just an diesem Tage mit der Versteigerung von 4528 Stücken beginnen, doch Staatsanwalt Mehlis stört ihre Geschäfte empfindlich.

Um zehn Minuten nach zehn präsentiert der eigens aus Berlin angereiste Staatsanwalt den beiden überraschten Militaria-Händlern einen Durchsuchungsbeschluß und eröffnet ihnen, daß gegen sie wegen des Verdachtes der Hehlerei ermittelt werde. Staatsanwalt Mehlis sucht NS-Akten, die auf bisher rätselhafte Weise aus dem Berlin Document Center (BDC) verschwunden sind. Es zeigt sich schnell, daß die Ermittler in der nobel ausstaffierten Etage an der richtigen Adresse sind: Sie finden Hunderte von SS-Akten, die unter den Hammer kommen sollten. André Hüsken, ein smarter Mittdreißiger mit kunstvoll gezwirbeltem Kaiser-Wilhelm-Bart, erklärt, er habe die Papiere vor zwei Jahren gutgläubig auf einer Sammlerbörse erworben. Ansonsten verweigere er die Aussage.

Schließlich stoßen die Ermittler noch auf eine Pistole des Kalibers 7,65. Die in einem Schreibtisch verborgene Waffe gehört Hüsken, der allerdings keinen Waffenschein besitzt. Nach über drei Stunden zieht Staatsanwalt Mehlis mit reicher Beute von dannen: etliche Aktenordner mit NS-Dokumenten, deren Versteigerung mehrere hunderttausend Mark erbracht hätte. Es ist zwar unklar, wie die fraglichen Akten ins Auktionshaus kamen, doch knapp 1000 dieser Papiere, das wird später in Berlin festgestellt, wurden offenbar aus dem Document Center in Berlin gestohlen.

Zu diesem Zeitpunkt ist der junge und für einen Staatsanwalt ausgesprochen eifrige und hartnäckige Detlev Mehlis bereits seit einem halben Jahr auf der Spur der Dokumentendiebe. Von 1983 bis 1986 hatte sich schon die politische Abteilung der Staatsanwaltschaft bemüht, das Verschwinden von Akten aus dem Document Center aufzuklären – ohne Erfolg. Im Juni vergangenen Jahres waren die Ermittlungen dann nach einem anonymen Hinweis wieder aufgenommen worden. Mitderweile wurden bei über zwanzig Razzien unter anderem in West-Berlin, Hamburg, München und Karlsruhe über 1500 Originale beschlagnahmt. NS-Akten aus dem Document Center tauchten auch in London und in den Vereinigten Staaten auf.

Es dauerte allerdings knapp sechs Jahre, bis die dunklen Geschäfte mit den Relikten des dunkelsten Kapitels der deutschen Geschichte überhaupt der Öffentlichkeit bekannt wurden.