Seit Jahren verschwinden NS-Akten aus dem Document Center

Von Karl-Heinz Janßen, Thomas Kleine-Brockhoff und Michael Sontheimer

Ein Staatsanwalt kommt selten allein. Als Detlev Mehlis am 11. Dezember 1987 das Bürohaus am Neuen Wall Nr. 75 in der Hamburger Innenstadt betritt, bringt er zwei Kriminalpolizisten mit. Das Interesse der drei Beamten gilt dem „Hanseatischen Auktionshaus für Historica Hüsken und Schäfer oHG“, das im vierten Stock residiert. André Hüsken und Armin Schäfer wollen just an diesem Tage mit der Versteigerung von 4528 Stücken beginnen, doch Staatsanwalt Mehlis stört ihre Geschäfte empfindlich.

Um zehn Minuten nach zehn präsentiert der eigens aus Berlin angereiste Staatsanwalt den beiden überraschten Militaria-Händlern einen Durchsuchungsbeschluß und eröffnet ihnen, daß gegen sie wegen des Verdachtes der Hehlerei ermittelt werde. Staatsanwalt Mehlis sucht NS-Akten, die auf bisher rätselhafte Weise aus dem Berlin Document Center (BDC) verschwunden sind. Es zeigt sich schnell, daß die Ermittler in der nobel ausstaffierten Etage an der richtigen Adresse sind: Sie finden Hunderte von SS-Akten, die unter den Hammer kommen sollten. André Hüsken, ein smarter Mittdreißiger mit kunstvoll gezwirbeltem Kaiser-Wilhelm-Bart, erklärt, er habe die Papiere vor zwei Jahren gutgläubig auf einer Sammlerbörse erworben. Ansonsten verweigere er die Aussage.

Schließlich stoßen die Ermittler noch auf eine Pistole des Kalibers 7,65. Die in einem Schreibtisch verborgene Waffe gehört Hüsken, der allerdings keinen Waffenschein besitzt. Nach über drei Stunden zieht Staatsanwalt Mehlis mit reicher Beute von dannen: etliche Aktenordner mit NS-Dokumenten, deren Versteigerung mehrere hunderttausend Mark erbracht hätte. Es ist zwar unklar, wie die fraglichen Akten ins Auktionshaus kamen, doch knapp 1000 dieser Papiere, das wird später in Berlin festgestellt, wurden offenbar aus dem Document Center in Berlin gestohlen.

Zu diesem Zeitpunkt ist der junge und für einen Staatsanwalt ausgesprochen eifrige und hartnäckige Detlev Mehlis bereits seit einem halben Jahr auf der Spur der Dokumentendiebe. Von 1983 bis 1986 hatte sich schon die politische Abteilung der Staatsanwaltschaft bemüht, das Verschwinden von Akten aus dem Document Center aufzuklären – ohne Erfolg. Im Juni vergangenen Jahres waren die Ermittlungen dann nach einem anonymen Hinweis wieder aufgenommen worden. Mitderweile wurden bei über zwanzig Razzien unter anderem in West-Berlin, Hamburg, München und Karlsruhe über 1500 Originale beschlagnahmt. NS-Akten aus dem Document Center tauchten auch in London und in den Vereinigten Staaten auf.

Es dauerte allerdings knapp sechs Jahre, bis die dunklen Geschäfte mit den Relikten des dunkelsten Kapitels der deutschen Geschichte überhaupt der Öffentlichkeit bekannt wurden.

Mitte Februar 1988 enthüllte die Berliner Morgenpost die Aktendiebstähle und erregte damit weltweite Aufmerksamkeit. Akten seien auf Bestellung gezielt entwendet, Prominente erpreßt worden, wußte das Springer-Blatt zu berichten. Auf einmal stand ein nahezu vergessenes Erbe der amerikanischen Besatzungsmacht im öffentlichen Interesse: 30 Millionen Akten, einst eine wertvolle Kriegsbeute, heute die umfangreichste Quelle für Historiker zur Erforschung des Nationalsozialismus.

Die US-Mission in West-Berlin, die für das Washingtoner State Department die brisanten Akten hütet, zeigte sich äußerst betroffen von den kriminellen Machenschaften, die zu unterbinden jahrelang nicht gelungen war. „Die Diskussion um das BDC“, so schrieb die Süddeutsche Zeitung, „wirft erneut die Frage auf, warum das Center sich noch immer in amerikanischer Hand befindet.“ Die sofortige Übergabe der nationalsozialistischen Hinterlassenschaft an deutsche Behörden forderten alsbald nicht nur der Verband der Verfolgten des Naziregimes (WN), sondern auch Sprecher der Alternativen Liste und der SPD im Westteil der ehemaligen Reichshauptstadt. Wie konnte es geschehen, fragten sie, daß die Übergabe an die Bundesrepublik zwar seit 1967 geplant, aber noch immer nicht verwirklicht ist?

Die Staatsanwaltschaft hat bislang vor allem einen ehemaligen leitenden Angestellten des Berliner Archivs im Verdacht, Dokumente gestohlen oder unterschlagen zu haben. Die Nachforschungen gestalten sich allerdings äußerst schwierig. Es wird wohl noch Monate dauern, bis die Ermittlungen abgeschlossen sind.

Den Tip, doch einmal beim Hanseatischen Auktionshaus Hüsken und Schäfer vorstellig zu werden, bekam Staatsanwalt Mehlis im Herbst vergangenen Jahres von der Hamburger Polizei. Ein Beamter schickte einen Katalog der 9. Auktion nach Berlin, und der hat es wahrlich in sich. Zwar wird eingangs versichert, daß die „Gegenstände aus der Zeit von 1933 bis 1945 nur zu Zwecken der staatsbürgerlichen Aufklärung, der Abwehr verfassungswidriger und verfassungsfeindlicher Bestrebungen“ und anderer edler Ziele dienen, doch die Beschreibung der Sammlerstücke liest sich weit weniger edel.

„9. Bormann, Martin. Hitlers Sekretär, sogenannte braune Eminenz. (1900 – ?) Brief mit eigenhändiger Unterschrift Bormann, München 17. 1. 1939 an den Reichsschatzmeister. Offizielles Briefpapier mit Hoheitsadler, zeitgeschichtlich sehr interessanter Inhalt über eine Entscheidung Hitlers betreffend eines prominenten Juden. 800,-.“ Während ein Autograph des sozialdemokratischen Präsidenten Friedrich Ebert mit ganzen 2000 Mark veranschlagt ist, kommen Briefe mit der Unterschrift von Hitler auf 800, von Goebbels auf 900 Mark, eine handschriftliche Aktennotiz von Heinrich Himmler über seine Nachforschungen der angeblich jüdischen Abstammung Mathilde Ludendorffs auf 1500 Mark.

Spitzenpreise bringen SS-Reliquien, sei es ein Totenkopf-Ärmelband für 680 Mark oder ein Paar SS-Tarnhandschuhe für 280 Mark. Laut Katalog „wendbar, von außen braune SS-Tarnung, innen weiß. Kammerfrisch. Sehr selten!“ Ein Soldbuch „für den SS-Rottenführer Schlegel aus dem SS-Totenkopfsturmbann Floßenburg“ wird für 450 Mark angeboten, ein Metall-Dienststempel „Waffen-SS I./Wachbatl. Prag“ für 400 Mark. „SS-Dienstdolche“ mit der Inschrift „Meine Ehre heißt Treue“ werden je nach Zustand für 450 bis 700 Mark veranschlagt. Ein solcher Dolch lag bis vor kurzem in einem Schreibtisch versteckt auch im Document Center zu Berlin.

Die Banalität des Bösen

In Berlin-Zehlendorf, unweit der Krummen Lanke, verengt sich der Wasserkäfersteig zu einer Sackgasse, an deren Ende sich rechter Hand mehrere weiße Häuser mit spitzen Dächern erheben. Sie gleichen den Ein- und Zweifamilienhäusern aus den zwanziger Jahren, die hier allenthalben stehen, nur der Stacheldrahtzaun um das Grundstück und der grauuniformierte Wachmann an der Einfahrt fallen auf den ersten Blick aus dem Rahmen gutbürgerlicher Idylle im Grünen. „US-Mission – Document Center“ steht auf einem Schild neben dem Eingang.

Das Grundstück gehörte bis 1945 der Reichspost. Die Gestapo konnte hier sämtliche Telephongespräche, die aus der künftigen „Welthauptstadt Germania“ in andere Städte oder Länder geführt wurden, aufzeichnen oder direkt abhören. Heute ist das Anwesen Eigentum der Deutschen Bundespost, doch bei der Berliner Landespostdirektion ist alles, was dieses Grundstück anbelangt, „geheime Verschlußsache“. Im Berlinder Landesarchiv fehlt die Grundstücksakte Wasserkäfersteig Nr. 1.

In der Eingangshalle fragt uns ein junger amerikanischer Soldat: „Your Ausweis please?“ Er hat die Mütze über die Lampe auf seinem Tisch gestülpt und hört sentimentale amerikanische Country-Musik, auf dem Tisch stehen zwei Büchsen Pepsi-Cola. Neuerdings muß er die Taschen aller Besucher kontrollieren, die das Haus wieder verlassen. Er hat dennoch einen ruhigen Job.

„Ich kann Ihnen wirklich nicht sagen, wie viele Dokumente gestohlen wurden“, beteuert Daniel Simon, der Direktor des Document Center. „Niemand kann Ihnen das sagen. Die in der Presse genannte Zahl von 80 000 erscheint uns allerdings als übertrieben. Wir können aufgefundene Dokumente identifizieren, aber alles andere wäre Vergeudung von Arbeitskraft.“ In dem geräumigen Arbeitszimmer des ehemaligen Majors der US-Army prangen die Porträts von Ronald Reagan, Vizepräsident George Bush, Außenminister Shultz und Botschafter Richard Burt neben Ölbildern idyllischer Alpenlandschaften. Simon unterstehen 39 deutsche Angestellte, doch der drahtige Amerikaner im braunen Anzug ist sichtlich amtsmüde. Die Aufregung und Ernüchterung, die ihm die letzten Monate gebracht haben, davon hat er sich wirklich nichts träumen lassen. „Die ganze Sache ist wirklich peinlich.“

Seit 1982 weiß er, daß Dokumente aus dem BDC gestohlen worden sein müssen. Im Dezember vergangenen Jahres sei allerdings erst klar gewesen, daß sie nicht von Besuchern herausgeschmuggelt worden sein konnten, sondern daß zumindest einer der fünf leitenden Angestellten, die allein Zugang zu allen Abteilungen des Hauses haben, in die Diebstähle verwickelt sein muß. Mißtrauen machte sich breit, Simons Verdacht richtete sich schließlich mehr und mehr gegen Wolfgang Eberhard.

Der 42jährige, unauffällige Dokumentär arbeitete seit dem 2. Mai 1972 im Archiv am Wasserkäfersteig. Er fiel Kollegen als arbeitsamer und besonders interessierter Mitarbeiter auf, der sich auch über den Rahmen des beruflich Erforderlichen hinaus für die Materie interessierte. Ein anderer beobachtete: „Er war in die Dokumente iihmer verliebt wie ein Kind.“

In seinem Arbeitszimmer herrschte gewöhnlich ein heilloses Chaos; eine Angestellte wunderte sich deshalb darüber, daß Eberhards Zimmer nach den Weihnachtsfeiertagen 1987 aufgeräumt war. Als Eberhard dann zwischen den Jahren in Urlaub ging, sah sich Simon zusammen mit mehreren Mitarbeitern einmal in dessen Zimmer um. Sie fanden dort immerhin mehrere Ordner mit ausgewählten Papieren prominenter Nationalsozialisten. Daraufhin informierte die Rechtsabteilung der US-Mission Staatsanwalt Mehlis. Er kam am nächsten Tag vorbei und brachte gleich einen Durchsuchungsbeschluß mit. Es war Silvester, und Mehlis stieß auf zwei äußerst interessante Photokopien. Die beiden entsprechenden Originale hatte er in Hamburg beim Auktionshaus Hüsken und Schäfer beschlagnahmt. Auf der Rückseite dieser kompromittierenden Beweisstücke fanden sich handschriftliche Vermerke Eberhards. („Original am 28. 1. 1985 an Mr. Simon ausgehändigt“). „Ich hatte sie nie gesehen“, echauffiert sich Simon. „Damit wollte er wohl eine falsche Spur legen.“ Er kann es immer noch nicht ganz fassen, daß ihn ein Mitarbeiter so schändlich hintergangen haben könnte.

Als die Ermittler am Vormittag des Neujahrstages bei Eberhard zu Hause auftauchten, erklärte dieser ihnen gleich, daß sie hier keine Originale aus dem Document Center finden würden. Wolfgang Eberhard war nicht irgendein kleiner Mitarbeiter des Document Center. Als sein Mentor, der langjährige stellvertretende Direktor Egon Burchartz, im April 1987 aus gesundheitlichen Gründen ausscheiden mußte, trat Wolfgang Eberhard seine Nachfolge an. „Er war allerdings völlig überfordert“, so Simon. „Deshalb haben wir ihn schon nach fünf Monaten wieder von diesem Job entbunden. Er schien merkwürdigerweise froh darüber zu sein, und inzwischen habe ich einen Verdacht, warum. Wir wußten auch nicht, daß er eine innerliche Neigung zu den Dingen hatte.“

Simon hat mehrere Polaroidphotos auf dem Tisch, die Etiketten von Aktenordnern mit liebevoll gemalten Reichsadlern und Hakenkreuzen zeigen. „Das haben wir erst später entdeckt“, ärgen er sich. Erst drei Wochen nach dem Besuch des Staatsanwaltes machten Angestellte des Document Center in Eberhards Schreibtisch einen weiteren, ausgesprochen makabren Fund: einen SS-Dolch.

Zu diesem Zeitpunkt war Eberhard, der schon unmittelbar nach der Hausdurchsuchung vom Dienst suspendiert worden war, seit drei Wochen nicht mehr aufgetaucht. Er hatte es nicht für nötig befunden, seinem Chef die merkwürdigen Vorfälle zu erklären. Anfang Februar wurde er entlassen. Eberhard selbst will zu den massiven Vorwürfen nicht detailliert Stellung nehmen. Sein Anwalt Wolfgang Panka, der sich einen Namen als versierter Strafverteidiger von Linken gemacht hat, geht noch weiter: „Schon eine Antwort auf die Frage, ob ich Herrn Eberhard vertrete“, erklärt er, „wäre eine Verletzung des Anwaltsgeheimnisses.“

Sein Mandant Eberhard, den auch die Ermittler dem „rechten Bereich“ zuordnen, beteuert: „Ich bin weder der Haupttäter noch der Nebentäter. Man irrt sich gewaltig, wenn man glaubt, die Bestie aus dem Bunker von Zehlendorf entlarvt zu haben.“

Wenn Daniel Simon aus seinem Fenster schaut, fällt sein Blick auf den mit schwarzer Dachpappe belegten Lüftungsschacht für den Bunker. Dort unten liegen die Akten. Zwischen 100 und 150 Millionen Blatt, niemand weiß genau wie viele. 30 Millionen Akten sollen es sein, 400 Tonnen Papier. Daniel Simon führt uns über eine lange Treppe hinunter.

Zuerst kommt eine Zwischenstockwerk, schließlich stoßen wir auf einen langen Gang, auf dem weiter hinten ein paar Bauarbeiter herumstehen. Sie bauen Stahltüren ein. Simon weiß nicht, wieviel Quadratmeter das unterste Stockwerk umfaßt, in dem der Großteil der Akten gelagert ist. Zwei Architekten schauen in ihren Plan und klären uns auf: 90 mal 45 Meter. Einen riesigen Raum füllt allein das Parteiarchiv der NSDAP, alphabetisch sind über 10,7 Millionen Mitgliedsausweise geordnet. Einsam sitzt ein älterer Angestellter mit einem Walkman zwischen den Regalfluchten, die endlos erscheinen.

In der Katakombe gegenüber der Treppe lagern 600 000 Akten von SS-Männern, also jene Akten, mit denen sich heutzutage die besten Geschäfte machen lassen. Simon knipst das Licht an, wieder tun sich schier endlose Regalfluchten auf, aus denen die Konvolute förmlich herausquellen. Es ist vergilbtes Papier, nur in der Abstraktion wird das Banale schrecklich. Ein eindringlicher Geruch nach alterndem Papier liegt in dem Raum. Bereits in einer Betriebsanalyse aus dem Jahre 1968 heißt es: „Die Akten sind in einem schrecklichen Zustand.“

Das Berlin Document Center beherbergt sechzig Prozent der Personalakten der SS, mindestens eine halbe Million von Dokumenten aus dem „Rasse- und Siedlungs-Hauptamt“, bei dem jedes Mitglied der SS und der Polizei vor einer Heirat seinen Stammbaum einreichen mußte. Es gibt einen Saal mit 1,5 Millionen Parteikorrespondenzen, Hunderttausende Personalakten von der SA, ebenso vom NS-Lehrerbund, NS-Bund Deutscher Techniker und vielen anderen NS-Organisationen, auch Angaben über 2,5 Millionen Einwanderer, die besonders im Krieg aus den russisch oder deutsch besetzten Gebieten „heim ins Reich“ kamen. Hier lagern die Akten der Reichskulturkammer, des Volksgerichtshofes und verschiedener Gestapo-Dienststellen. Sie enthalten vieles, was heute noch Lebenden zumindest große Peinlichkeiten bescheren könnte. Die Akten der Reichsschrifttumskammer dürften so manche Legende von Schriftstellern und Journalisten zerstören. Gibt es hier zum Beispiel eine Akte Werner Höfer? Ja natürlich“, sagt Simon. „Aber wir haben sie nicht herausgegeben. Er lebt ja noch.“

Den Großteil der Dokumente haben Historiker noch nicht zu Gesicht bekommen. „Es ist einfach unglaublich viel“, sagt Simon. „350 Leute haben fünfzehn Jahre gebraucht, um das alles zu sortieren.“ Ursprünglich planten die Amerikaner, alle Akten nach Abschluß der Entnazifizierungsverfahren zu vernichten. „Aber dann ist unserer Regierung klargeworden, daß es einmalige historische Dokumente sind.“

Auf einem kleinen Tisch sind mehrere Ausstellungsstücke für Besucher drapiert: Die Akte Adolf Eichmann. Es sind nur noch die Kopien. Im Jahre 1961, als Adolf Eichmann in Jerusalem der Prozeß gemacht wurde, stellten die Amerikaner den Israelis dessen Akte zur Verfügung. Die Israelis gaben sie nicht zurück und behaupteten später, sie sei wohl leider auf dem Postwege verlorengegangen. Die Mitarbeiter des Document Center staunten nicht schlecht, als danach auf der Titelseite des Spiegel der handgeschriebene Lebenslauf Eichmanns prangte.

1985 war es die Akte Josef Mengeles, die nach São Paulo geschickt wurde, um die Identifikation der mutmaßlichen Leiche des KZ-Arztes zu ermöglichen. Sie gelang mittels ärztlicher Gutachten, die jeder SS-Mann ebenso beibringen mußte wie einen Ariernachweis der letzten 200 Jahre für sich und seine Frau.

Die Katakomben sind ein Ort des Grauens. Daniel Simon hat freilich ein entspannteres Verhältnis zu der weitläufigen Gruft. „Es ist einfach ein Job“, sagt der ehemalige Major der US-Army. „Wenn ich gut Deutsch könnte und Tag für Tag die Akten über die Endlösung studierte, bekäme ich auch Depressionen.“ Er dreht sich behende auf den Absätzen seiner braunen Cowboystiefel um und führt uns wieder nach oben.

Who was a Nazi?

Den Grundstein des Document Center hat gewissermaßen ein bayerischer Müller gelegt. Hans Huber war Besitzer einer Papiermühle in der Nähe von München. Mitte April 1945 – die amerikanischen Panzerspitzen näherten sich der bayerischen Hauptstadt – fuhr ein Lastwagenkonvoi vor. SS-Männer entluden Kartons und Kisten und stapelten sie ordentlich unter den Dächern der Wirtschaftsräume. Ein Offizier bedeutete dem Müller, dies seien geheime Akten, die sofort vernichtet werden müßten, damit sie nicht dem Feind in die Hände fielen. Dann verschwanden die Uniformierten auf Nimmerwiedersehen.

Huber beschloß, den Befehl zu mißachten. Als dann die Amerikaner einrückten, machte er sie auf die Papiermengen aufmerksam, ohne überhaupt zu ahnen, welchen Schatz man ihm da ins Haus gebracht hatte. Der erste amerikanische Offizier, der ihn in Augenschein nahm und aus dem Staunen nicht herauskam, war Leutnant „Ernie“ Langendarf, ein deutscher Journalist, der bald nach dem 33. Januar 1933 Deutschland verlassen und sich an 30. April 1945 mit dem ersten Jeep ins Münchner Stadtzentrum vorgewagt hatte. Er fand in der Mühle rasch heraus, was in den Kisten steckte: die Mitgliederkartei aus der Reichsleitung der NSDAP im Braunen Haus zu München, insgesamt Unterlagen über 10,7 Millionen Parteigenossen und -genossinnen; das waren immerhin neunzig Prozent der Mitglieder.

Im Laufe der ersten Monate nach der deutschen Kapitulation entdeckten die Amerikaner noch in ungezählten anderen Verstecken, so in liegengebliebenen Waggons, in Bergwerken und Schloßkellern, geheimes Material, welches der Vernichtung entgangen war.

Die US-Army karrte die Beute nach Berlin, wo sie von dem 7771 Document Center OMGUS in die Obhut genommen wurde, noch weit mehr, als heute dort lagert, zum Beispiel das Archiv des Auswärtigen Amtes, das bald in den Westen geschafft wurde, oder das nichtpersonenbezogene SS-Archiv, das man in den sechziger Jahren dem Bundesarchiv in Koblenz überließ. In der Anfangszeit 1946 arbeiteten hier – neben einer Reihe amerikanischer Offiziere, Soldaten Und Zivilisten – mehrere hundert deutsche Angestellte, die froh waren, einen Job gefunden zu haben. In zwei Acht-Stunden-Schichten waren sie schwer beschäftigt, die riesige Menge Materials zu sichten, zu ordnen und umzustapeln. „Die Arbeiter“, erinnert sich einer aus der ersten Stunde, „waren Leute, die gut schleppen konnten, und auf einmal waren sie dann Abteilungsleiter eines Archivs.“

Die amerikanische Armee organisierte das .Archiv für die Zwecke der Sieger- und Besatzungsmacht. Zunächst ging es um die Sicherheitsüberprüfung der vielen Deutschen, die bei den Alliierten arbeiten wollten, sodann um die Vergangenheit der neuen Bewerber bei deutschen Behörden.

Bald auch brauchten die Entnazifizierungs-Spruchkammern Informationen aus dem Document Center. Aus rein praktischen Gründen entschlossen sich die Amerikaner, ein rein personenbezogenes Archiv in alphabetischer Ordnung einzurichten. Dabei verstießen sie bewußt gegen ein ehernes Gesetz der Archivare, das besagt, daß man als Ganzes überlieferte Aktenbestände nicht auseinanderreißen darf. Selbst die NS-Zentralkartei blieb nicht unangetastet. Ursprünglich hatte jedes Parteimitglied zwei Karteikarten; die zweite wurde nach Gauen, Kreisen, Ortsgruppen abgelegt – wäre diese Einteilung geblieben, hätte es die regionale Zeitgeschichtsforschung heute viel leichter.

Die Amerikaner hatten zunächst Schwierigkeiten, die Organisation der NSDAP zu verstehen. Eingedenk der 99-Prozent-Wahlergebnisse im „Dritten Reich“ wollten sie genau wissen: „Who was a Nazi?“ Deshalb holten sie sich dreißig Mitarbeiter aus Parteileitung und Parteikanzlei für eine Woche nach Berlin, gaben ihnen reichlich zu essen und Zigaretten gratis und ließen sie über das Einstellungsverfahren der Partei berichten.

„Es ist eine verdammte Lüge, wenn Ihnen jemand erzählt, er sei ohne sein Wissen in die Partei eingeschrieben worden“, sagt Direktor Simon bei unserem Rundgang und zieht einen Aufnahmeantrag mit persönlicher Unterschrift des Parteigenossen aus einer Schublade. So war es: Die bis heute gerne vorgebrachte Entschuldigung, viele Deutsche seien ungefragt mit ihrer ganzen Organisation (Verein, Verband etc.) automatisch in die Partei überführt worden, stimmt nicht. Jeder Anwärter mußte seinen Antrag eigenhändig unterzeichnen, seit Mai 1937 auch noch einen Fragebogen ausfüllen. Die Sitten waren so streng, daß nicht einmal Hermann Göring, der zweite Mann im NS-Staat, seiner Frau einen Parteiausweis als Geschenk unter den Weihnachtsbaum legen konnte.

Manch einer hat in den letzten Jahrzehnten in Ämtern und Unternehmen gesessen, der sich damit brüstete, er sei immer dagegen gewesen und deshalb auch nicht in die Partei eingetreten, allem Druck zum Trotz. Nur zu oft war dies eine bequeme Schutzbehauptung. Denn im Document Center lagern etwa eine Million Eintrittsanträge, die aus verschiedensten Gründen abgelehnt wurden. Von Mai 1933 bis Mai 1937 hatte die Partei eine Mitgliedersperre verhängt, weil sie der „Märzgefallenen“ nicht mehr Herr wurde. Märzgefallene nannte der Berliner Volksmund die Opportunisten, die erst nach dem Wahlsieg der Nazis am 5. März 1933 in die Partei strömten. Nur zu viele Deutsche bestürmten dennoch die NSDAP, ob man sie nicht aufnehmen möge.

Das Document Center war eine Fundgrube für die Ankläger in den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen. Als viele Jahre später die Justiz in der Bundesrepublik systematisch daranging, die Verbrechen der NS-Zeit aufzurollen, besann man sich auf die guten Dienste des Document Center. Die Staatsanwälte aus allen Bundesländern und vornehmlich der Ludwigsburger Zentralstelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen gingen in dem Berliner Archiv ein und aus.

Von einer Vertuschung nationalsozialistischer Verbrechen kann also keine Rede sein. Es gibt bei der Verfolgung von Kriegsverbrechen offensichtlich auch seit langem eine gute Zusammenarbeit zwischen amerikanischen und sowjetischen Behörden, anders als in den ersten Nachkriegsjahren. Damals, im Kalten Krieg, verzichteten sie auf Nachfragen im Archiv. Lediglich einmal kam eine Delegation sowjetischer Geheimdienstoffiziere zu Besuch; sie stiegen nicht etwa in die Keller, sondern durchsuchten die oberen Räume, weil sie dort eine Spionagezentrale vermuteten.

Justitias Mühlen mahlen

Am 19. April 1982 schreibt der Militaria-Sammler und SS-Experte Wilhelm F. Meister (Name von der Redaktion geändert) an das Bundesarchiv in Koblenz, daß bei verschiedenen Militaria-Händlern Papiere aus dem Document Center angeboten würden. „In West-Berlin wird wieder einmal emsig entwendet“, heißt es in seinem Brief. So werde ein gestohlenes NSDAP-Mitgliedsbuch für 4500 Mark angeboten. Als Beleg sendet Meister auch freundlicherweise die sechzehn Kopien von SS-Papieren mit. Das Bundesarchiv braucht über drei Monate, um die suspekten Kopien an das Document Center weiterzuleiten. Am 6. August 1982 bestätigen die Berliner Archivarkollegen, daß die Originale nicht mehr vorhanden sind.

Gut zwei Wochen später schreibt Dr. Klaus Oldenhage, ein leitender Beamter des Bundesarchivs, an Daniel Simon: Hauptfigur scheine ein gewisser Armin Schäfer zu sein. Er soll an einem der letzten Wochenenden in Berlin gewesen sein, um dort erneut Unterlagen abzuholen. Den Hinweis auf Schäfer, der zu dieser Zeit noch nicht das noble Hamburger Auktionshaus betreibt, sondern in Düsseldorf lebt, hat das Bundesarchiv auch von dem Sammler Wilhelm F. Meister bekommen. Beweise hat dieser allerdings nicht in der Hand.

Der Amtsweg ist gewöhnlich nicht der direkteste und schnellste. In diesem Fall hat er folgende Stationen: Bundesarchiv, Bundesinnenministerium, Auswärtiges Amt, US-Botschaft Bonn, US-Mission West-Berlin. Erst knapp ein Jahr nach der bitteren Erkenntnis, daß aus dem Document Center Papiere verschwinden, werden ernsthafte Konsequenzen gezogen. Am 5. Juni 1983 geruht die Berliner US-Mission, den Berliner Justizsenator über die Diebstähle zu informieren und um die Aufnahme von Ermittlungen zu bitten.

Der Staatsanwalt merkt schnell, daß er sich in einem Milieu bewegen muß, in dem zusammengehalten wird wie im klassischen organisierten Verbrechen. Der Sammler Meister, der dem Bundesarchiv den ersten Tip gab, weigert sich anschließend hartnäckig, den Namen des Mannes preiszugeben, von dem er die siebzehn Kopien bekommen hat. In dem „dubiosen Milieu von Militaria-Sammlern“, wie es die Neue Zürcher Zeitung nennt, herrschen eigene Gesetze. Man fragt nicht unbedingt, woher heiße Ware kommt.

Als die leitenden Beamten des Bundesarchivs sehr viel später den Katalog des Hamburger Auktionshauses Hüsken und Schäfer zu Gesicht bekommen, sind sie schier entsetzt. Archivdirektor Wolf Buchmann spricht von „perversen Sammlern“, die sich mit „kriminellen Dingen beschäftigen“. Hans Booms, der Leiter des Bundesarchivs, sieht den eigentlichen Skandal des Kriminalfalls um das Document Center ohnehin darin, „daß es für solche Dinge überhaupt einen Markt gibt“.

Gleichwohl habe sich die Bundesbehörde in den letzten Jahren mehrfach veranlaßt gesehen, „in diesen Sumpf einzutauchen“. Weil immer wieder historisch interessante Dokumente zwielichtigen Ursprungs auf dem grauen Markt auftauchten, besuchten Beamte des Koblenzer Archivs die einschlägigen Sammlerbörsen. Aber immer, wenn ein Archivar in Begleitung eines Kriminalbeamten in Zivil auftauchte, „war plötzlich nichts mehr zu kaufen“, berichtet Hans Booms. „Daraufhin haben wir es aufgegeben.“ So leicht ist diese Subkultur, in der sich alte und neue Nazis ebenso wie Privatgelehrte und Agenten tummeln, nun doch nicht von braven Beamten hinters Licht zu führen.

Auch das Militärarchiv in Freiburg beobachtet den Militaria-Markt. An sich könnten die Archivare alle amtlichen NS-Dokumente beschlagnahmen lassen, schließlich sind verschiedenste Bundesbehörden die Rechtsnachfolger der Institutionen des „Dritten Reichs“. Nur: „Wenn wir das juristisch versuchen“, so Gerhard Granier, der stellvertretende Leiter des Militärarchivs, „machen wir den Markt kaputt. Dann kommen Dinge, die wir suchen, überhaupt nicht mehr an die Oberfläche.“ Also bieten Archivbeamte gelegentlich mit. Angesichts der astronomischen Preise und ihres begrenzten Budgets für Aufkäufe können sie allerdings nur selten mithalten.

Das Interesse an NS-Reliquien ist nicht auf Deutschland beschränkt. In England und Amerika ist die Nachfrage ebenfalls groß. So fand in einem New Yorker Auktionshaus ein Parfumflakon, das angeblich der Hitler-Geliebten Eva Braun gehörte, ebenso Käufer wie Unterwäsche des „Führers“. Die horrenden Preise sind wiederum Anreiz für Fälscher. So kursieren Ritterkreuz-Imitate aus Hongkong oder falsche Hitlerbriefe in beachtlicher Zahl auf dem Markt. Desgleichen gibt es bereits fünf Pistolen, mit denen sich Hitler am 30. April 1945 erschossen haben soll.

Die Ermittlungen der Berliner Staatsanwaltschaft laufen bereits ein Jahr vor sich hin, da gibt David Irving einen weiteren Tip. Der rechtsextreme englische Historiker teilt dem Bundesarchiv mit, daß der Londoner Dennis Martin, Mitglied der rechtsradikalen National Front, im Besitz von Originalen aus dem Document Center sei. Die Berliner Staatsanwaltschaft bringt ein Rechtshilfeersuchen auf den Weg, doch das Ergebnis der Londoner Ermittlungen bleibt unbefriedigend. Im Mai 1986 teilt Interpol mit, daß der National Front-Mann tatsächlich ein Dutzend SS-Dokumente besitze, die nur aus Berlin stammen können. Dabei handele es sich unter anderem um Teile der Personalakte des Reichsarztes SS und Präsidenten des Deutschen Roten Kreuzes, Dr. Ernst Grawitz. Martin habe allerdings ausgesagt, daß er sie „in gutem Glauben“ auf einem Trödelmarkt erworben habe. Nach englischem Recht ist eine Person, die Diebesgut „in gutem Glauben“ erwirbt, nicht zu belangen. Der Londoner Rechtsradikale besitzt die gestohlenen Dokumente deshalb noch heute – wenn er sie nicht wieder auf einem Trödelmarkt verkauft hat.

Der Wuppertaler Sammler Wilhelm Meister gibt dem Bundesarchiv noch weitere Tips. Im März 1985 können daraufhin bei der Firma „Orden Bielitz“ im hessischen Wallertheim mehrere Dutzend Originale aus dem Document Center beschlagnahmt werden. Diese Spur verliert sich ebenfalls auf einem Berliner Trödelmarkt.

Im August 1985 wird auch Armin Schäfer von der Staatsanwaltschaft vernommen, der Mann, in dessen Hamburger Auktionshaus die Ermittler drei Jahre später den bedeutsamen Fund machen sollten. Schäfer bestreitet energisch, auch nur das geringste mit Aktendiebstählen in Berlin zu tun zu haben. Am 1. September 1986 stellt die Berliner Staatsanwaltschaft ihre Ermittlungen in Sachen Diebstähle aus dem Document Center wieder ein. Es sei, so die Einstellungsverfügung, „trotz Auffindens und Rückgabe verschiedener Dokumente nicht gelungen, Täter dingfest zu machen“.

Reporter, Fälscher, Agenten

Oft weiß die Linke nicht, was die Rechte tut. Das gilt auch für die Justiz. Im Urteil des Hamburger Landgerichts vom 8. Juli 1985 im Prozeß gegen den stern-Reporter Gerd Heidemann und den Fälscher der Hitler-Tagebücher, Konrad Kujau, findet sich ein unübersehbarer Hinweis auf Urkundendiebstähle im Berliner Document Center.

Und das kam so: Als man in der stern-Redaktion einen sogenannten Heß-Sonderband, von Kujau gefälschte angebliche Notizen Hitlers zum Flug seines Stellvertreters Rudolf Heß nach England, prüfte, konnte man den Namen eines SS-Offiziers aus der Umgebung des Reichsleiters Martin Bormann nicht entziffern. Man wandte sich via Bundesarchiv um Auskunft an das Document Center, das auch anstandslos etliche Kopien aus der Personalakte des SS-Hauptsturmführers Laackmann herausrückte.

Sicherheitshalber fragte Heidemann aber auch noch einen alten Bekannten in Karlsruhe, den Waffenhändler Medardus Klapper, der sich als V-Mann für das Bundeskriminalamt, den Militärischen Abschirmdienst und andere Behörden hervorgetan hatte und dem stern vorgespiegelt hatte, er habe Beziehungen zu einer Gruppe reicher, alter Nationalsozialisten, die sich um den vermeintlich in Südamerika untergetauchten (tatsächlich aber schon Anfang Mai 1945 in Berlin umgekommenen) Martin Bormann scharten. Laut Gerichtsurteil hatte Klapper bis Ende 1982 rund 200 000 Mark von Heidemann kassiert, doch „so gut wie nichts“ geliefert.

Binnen zwei bis drei Wochen – am 24. Januar 1983 – übergab Klapper dem stern-Reporter im Münchner Hotel „Vierjahreszeiten“ drei Kopien von Papieren aus der Stammrolle Laackmanns. Klapper wollte sie in einem unbewachten Augenblick vom Schreibtisch Martin Bormanns in Madrid entwendet haben. Er hatte noch mehr zu bieten, zum Beispiel Unterlagen über ehemalige hohe bayerische SS-Führer, darunter den in Dachau geschlossenen Dienstvertrag des späteren SS-Gruppenführers Karl Maria Demelhuber im Original; Heidemann kaufte ihm das Stück für 500 Mark ab.

Anders als der leichtgläubige Heidemann bezweifelte die Polizei Klappers Angaben über die Herkunft der Papiere, denn inzwischen hatte ein Sammler aus Karlsruhe ausgesagt, er habe diese und andere Unterlagen von einem Trödler auf dem Flohmarkt erworben; der wiederum erzählte, er habe sie bei der Auflösung der Wohnung eines ehemaligen hohen Offiziers auf dem Speicher in einer Kiste entdeckt.

Des Rätsels Lösung fand die Berliner Staatsanwaltschaft erst vor einigen Wochen nach einer Anfrage im Document Center – die fraglichen Dokumente fehlten in der Personalakte Laackmann. Wie aber war es Medardus Klapper oder seinen Hintermännern möglich, binnen ein paar Wochen auf eine gezielte Anfrage Dokumente aus dem Aktenbunker in Berlin zu bekommen? Das Hamburger Landgericht tadelte Heidemann ob seines Irrglaubens an den lebendigen Martin Bormann: „Die näherliegende Möglichkeit, daß diese Urkunden im Document Center und bei anderen Behörden gestohlen worden sein könnten, wurde nicht bedacht.“ Aber dieser Spur nachzugehen, hielten weder die Hamburger Staatsanwaltschaft noch das Gericht für nötig.

Heidemann war außerdem auch unmittelbar, nämlich über seinen Geschäftspartner Kujau, mit der Nase auf den Berliner Aktenskandal gestoßen worden – nur hatte ihn diesmal sein Spürsinn im Stich gelassen. Angesichts der Umstände auch kein Wunder, denn es war Ende April 1983, der stern hatte soeben die Hitler-Tagebücher auf den Markt geworfen, und schon hub überall der Streit an, ob die Tagebücher echt seien. Kujau, der sich das restliche Honorar für seine Lieferungen abholen wollte, zog in der Wohnung von Heidemann plötzlich einen Stoß Photokopien aus der Tasche, mit denen er augenscheinlich den stern beruhigen wollte, daß seine phantastische Fundgeschichte von den Kisten aus einem abgestürzten Flugzeug auch stimme.

Auf dem Tonband, das Heidemann an jenem 29. April 1983 mitlaufen ließ, hört sich das so an: „Jetzt, Herr Heidemann, wird es brenzlig, jetzt rückt der plötzlich das ganze geheime SD-Archiv heraus... Da sind Lebensläufe von den ganzen SD-Fritzen, Urteile von Scheidungen – alles Interna von der SS! Das wird unheimlich gefährlich, weil“ – (und nun verplappert sich Kujau) – „da hat der Amerikaner die Finger drauf!“ Aber er fängt sich gleich wieder: „Und das darf keiner wissen, daß das in der DDR lagert.“

Heidemann durfte sich Kopien von den Kopien anfertigen – insgesamt 145 Blatt, nämlich 121 Einzeldokumente oder Aktenvorgänge über 48 Personen, dabei Parteiausweise des Reichsarbeitsführers Konstantin Hierl und ein handgeschriebener Lebenslauf des höheren SS- und Polizeiführers Erich von dem Bach-Zelewski. Schon damals fiel Heidemann auf, daß auf einigen Kopien Unterschriften mit einem Blei- oder Rotstift eingekreist waren; hin und wieder war am Rand handschriftlich vermerkt „Ritterkreuzträger“, einmal, bei einer Unterschrift Himmlers, auch eine Preisangabe: „800,-“ – alles Indizien, daß diese Papiere auf dem Militaria-Markt gehandelt wurden. Doch Kujau gab vor, das seien wohl Notizen seines Bruders, eines Reichsbahn-Gepäckträgers in der DDR, den er dem stern als Generalmajor der Nationalen Volksarmee verkauft hatte. Angeblich schmuggelte Bruder General Hitler-Tagebücher über die Grenze und kassierte dafür stern-Millionen, von denen er und seine Kameraden sich Datschen am Plattensee leisteten.

Erst als Heidemann und sein Anwalt, der eine Wiederaufnahme des „stern-Prozesses“ betreibt, Anfang Januar dieses Jahres der Berliner Staatsanwaltschaft die 121 Dokumente vorgelegt hatten – Kujau behauptete in der Bild-Zeitung, es seien nur dreißig gewesen – fand Staatsanwalt Mehlis schnell heraus, daß allesamt aus dem Document Center entwendet worden waren. Der Weg der Akten läßt sich heute teilweise rekonstruieren.

Der Kreis schließt sich mit dem Militaria-Sammler Roland Schulze (Name von der Redaktion geändert). Schulze hatte Mitte 1982 Wilhelm F. Meister einen Teil der Kopien beigebracht, und der hatte sie an das Bundesarchiv weitergeschickt, ohne später seinen Konfidenten preiszugeben. Schulze hatte sie nach eigener Aussage damals von Armin Schäfer bekommen, der ihm auch die Originale gezeigt habe. Laut Schulze besaß Schäfer damals einen größeren Posten Originale, die er verkaufen wollte. Schäfer habe auch gewußt, daß sie aus dem Document Center stammen, und habe ihm zahlreiche Kopien überlassen. Die habe er, Schulze, wiederum Kujau geschenkt.

Während die gestohlenen Dokumente munter kursierten, tappte Staatsanwalt Mehlis freilich völlig im dunkeln. Erst im Frühjahr vergangenen Jahres kam wieder Bewegung in die Aktenaffäre. Am 28. Mai 1987 erhält die Hamburger Polizei einen Brief mit der sinnigen Anrede „Sehr geehrtes Polizeipräsidium“. Der Verfasser stellt sich als „Sammler von Orden, Papieren und militärgeschichtlichen Gegenständen“ vor und berichtet, daß Briefe von Heinrich Himmler und anderen SS-Größen im Umlauf seien, die nur aus dem Document Center stammen könnten. „Als Sammler bin ich entsetzt über diese Betrügereien und Stehlereien“, schrieb der Anonymus. „Soweit ich weiß, sollen es zwei Angestellte dieser Behörde sein, die bewußt, teilweise auf Bestellung, diese Papiere entwenden und sich persönlich bereichern.“ Erneut stellte sich die Frage: Wo ist die undichte Stelle im Zehlendorfer Bunker?

Die Wege in den Aktenbunker

3000 bis 4000 Anfragen hat das Document Center Monat für Monat zu bearbeiten. Die Kundschaft ist vielfältig: Ministerien verschiedener Bundesländer, das Bundespräsidialamt, Staatsanwälte und Kriminalpolizisten, die NS- und andere Verbrechen verfolgen, aber auch diplomatische Vertretungen vieler westlicher Länder. Mehr als zwei Drittel der Anfragen kommen dabei von westdeutschen Behörden. Gelegentlich ist es allerdings zumindest verwunderlich, wofür die abgefragten Informationen dann verwendet werden.

Es war der 30. Mai 1983, als Bundesanwalt Pflieger im Prozeß gegen den RAF-Aussteiger Peter Jürgen Boock in Stuttgart-Stammheim das Wort ergriff, um zu begründen, daß dem Antrag der Verteidigung, den Gutachter Hans-Joachim Rauch abzulehnen, nicht stattzugeben sei. Rauch hatte während des Krieges als Forschungsassistent in einer Euthanasieklinik gearbeitet. „Wir haben festgestellt“, so Bundesanwalt Pflieger, „daß er (gemeint ist Rauch – D. Z.) zu keinem Zeitpunkt Mitglied der NSDAP war.“ Der Bundesanwalt weiter: „Wir haben aber festgestellt, daß es ein NSDAP-Mitglied Heinrich Hannover gegeben hat, eingetreten am 20. 4. 1944, also am Geburtstag des Führers mit knapp achtzehn Jahren.“ Wenn der Angeklagte Boock zu seinem Verteidiger Heinrich Hannover Vertrauen habe, so die süffisante Argumentation des Bundesanwalts, könne er auch zu dem Gutachter Rauch Vertrauen haben.

Da die Mitgliedschaft Heinrich Hannovers nur im Document Center in Erfahrung zu bringen war, protestierte die Humanistische Union bei Generalbundesanwalt Kurt Rebmann gegen den „Mißbrauch personenbezogener Daten“. Rebmann vermochte damals die „Wertung dieses Vorganges nicht zu teilen“, und Bundesanwalt Pflieger vermag sich heute nicht mehr daran zu erinnern, wie er die Parteimitgliedschaft Hannovers ermittelt hatte.

„Diese Geschichte ist eine Schweinerei“, erregt sich Rolf-Peter Magen. Dem Senatsrat Magen obliegt seit 1959 die Aufgabe, zu entscheiden, welche Bewohner West-Berlins in das Document Center eingelassen werden, für wen Kopien bestimmter Akten gefertigt werden. Wissenschaftler machen nur einen kleinen Teil der Anfrager aus. Von den zwanzig bis dreißig Anträgen im Monat kommt der größte Teil von Rentenanstalten oder betreffen den Lastenausgleich aus Osteuropa ausgereister „Volksdeutscher“. Bei solchen Anträgen gibt es keine Schwierigkeiten.

Daran, wie Senatsrat Magen das Document Center vor Wissenschaftlern schützt, ist hingegen in der Halbstadt in den letzten Jahren immer wieder harsche Kritik formuliert worden. Der Sender Freies Berlin klagte über die „restriktive Politik“ des Innensenats bei der Behandlung von Benutzeranfragen. Berliner Wissenschaftler haben es auf jeden Fall in dem „Dreiklassensystem“, mittels dessen der Zugang zum Zehlendorfer Aktenbunker geregelt ist, am schwersten.

Am 5. November 1980 wurden die Hürden in Form von „Ausführungsvorschriften“ schriftlich fixiert. „Für wissenschaftliche Forschungsvorhaben“, heißt es da, „können Ablichtungen von Unterlagen über prominente Nationalsozialisten nach Prüfung des Einzelfalls zur Verfügung gestellt werden.“ Wer die Akten unprominenter Nationalsozialisten einsehen will, muß eine Einwilligung des Betroffenen oder seiner nächsten Verwandten beibringen.

Wer prominente Nationalsozialisten sind, bestimmt Herr Magen. Luis Trenker, Gustaf Gründgens, Wilhelm Furtwängler oder Ferdinand Sauerbruch und andere waren zwar im Nationalsozialismus prominent, aber nicht als führende Nationalsozialisten; ihre Akten bleiben deshalb Berliner Wissenschaftlern verschlossen. Außerdem, argumentiert Magen, gebe es „nicht nur Forscher, sondern auch Ausforscher“. Man sei zum Beispiel einem Zeitgenossen auf die Schliche gekommen, der die Akten eines Mannes einsehen wollte, gegen den er gerade einen Zivilprozeß führte.

„Der Persönlichkeitsschutz geht vor dem Wissenschaftsprivileg“, lautet die Grundgesetz-Interpretation des Berliner Innensenats. „Das ist Unsinn“, hält der Berliner Jurist Stefan König dagegen. „Hier muß sorgfältig abgewogen werden.“ Darüber, daß nicht alle Akten wahllos der Öffentlichkeit zugänglich sein dürfen, besteht unter Historikern Einigkeit, die Frage ist freilich, wo jeweils die Grenze zu ziehen ist. „Wenn zum Beispiel ein SS-Mann sehr detaillierte Briefe an seine Freundin geschrieben hat, sind diese zwar private, aber unter Umständen sehr interessante Quellen“, argumentiert Götz Aly. Aly, der seit Jahren über nationalsozialistische Gesundheitspolitik forscht, fordert allerdings: „Die Persönlichkeitsrechte müssen von dem einzelnen Wissenschaftler gewahrt werden, das kann keine Behörde fachkundig entscheiden.“

Angesichts der strengen Auffassung von Herrn Magen haben sich etliche Berliner Wissenschaftler einen Zweitwohnsitz in der Bundesrepublik zugelegt und ersuchen bei der Vertretung des Bundesinnenministeriums in West-Berlin um Zutritt zum Document Center. Die Berliner Vertretung des Bundesinnenministeriums registrierte in den letzten Jahren mehr und mehr Interesse an den Akten aus dem Document Center, besonders bei jungen Wissenschaftlern.

Westdeutsche Historiker und forschende Schriftsteller hatten bisher kaum Probleme, an die Dokumente zu gelangen, wenn sie vom forschungsfreundlichen Bundesarchiv oder von einer anderen Behörde empfohlen wurden. Allerdings hat das Document Center von Anfang an Auskünfte an Privatpersonen verweigert, desgleichen an Organisationen. Darum war es nur recht und billig, daß David Irving einen Korb bekam, als er für den rechtsradikalen Verleger Gerhard Frey aus nur zu durchsichtigen Gründen Angaben über 700 Persönlichkeiten begehrte. Aber 140 Wissenschaftler konnten allein letztes Jahr ungehindert im Document Center arbeiten.

Nach dem neuen Bundesarchivgesetz, das seit dem 6. Januar dieses Jahres gültig ist, würde die wissenschaftliche Benutzung unter deutscher Regie, also in der Obhut des Koblenzer Bundesarchivs, sogar noch weniger restriktiv sein als bisher. Die Sperrfristen zum Schutze der Persönlichkeit – dreißig Jahre nach dem Tode oder hundert Jahre nach der Geburt – können für wissenschaftliche Forschungsvorhaben oder auch bei berechtigten anderen Belangen geändert oder sogar ganz aufgehoben werden.

Aussichtslos ist es für Wissenschaftler aus sozialistischen Ländern, ihnen ist der Zutritt zum Document Center generell verwehrt. „Im Grunde ist es moralisch unerträglich“, kritisiert das der Zeitgeschichtler Götz Aly, „ausgerechnet die Wissenschaftler der Länder, die am schwersten gelitten haben, sind ausgesperrt.“ Harry Gilmore, der amerikanische Gesandte in West-Berlin weiß allerdings zu berichten, daß es mit der Sowjetunion und anderen osteuropäischen Staaten eine gute Zusammenarbeit bei der Verfolgung von Kriegsverbrechern gebe: „Dieser Kanal läuft über das Justizministerium in Washington.“

Zu den Stammkunden des Zehlendorfer Aktenbunkers zählt auch seit 1964 die Ordenskanzlei des Bonner Bundespräsidialamtes. Im Frühjahr 1964 hatte man dem Aufsichtsratsvorsitzenden der Ruhrchemie AG, Heinrich Buetefisch, das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik verliehen. Offenbar war in Vergessenheit geraten, daß Buetefisch als IG Farben-Manager Mitverantwortung dafür trug, daß Häftlinge aus Auschwitz an die IG Farben ausgeliehen wurden. Der einstige SS-Sturmbannführer, der dafür auch in Nürnberg als Kriegsverbrecher zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt worden war, mußte sein Bundesverdienstkreuz nach zwei Wochen wieder zurückgeben.

Um solche Peinlichkeiten zu vermeiden, werden seitdem sämtliche Kandidaten für bundesrepublikanische Orden im Document Center routinemäßig überprüft. 1973 bekam schließlich auch eine Mitarbeiterin des Document Center das Bundesverdienstkreuz: als Anerkennung für die zügige Bearbeitung der Anfragen aus Bonn.

Die biologische Entsorgung

Es ist schon erstaunlich: Auch in London blüht der Handel mit den geklauten Akten. Umschlagplatz ist ein kleiner Militaria-Laden am Shepherd Market im Stadtteil Mayfair. In einem der Kataloge bietet der Ladenbesitzer Adrian Forman privaten Sammlern amtliche NS-Dokumente an: für 1000 Pfund etwa Listen von SS-Mitgliedern, denen das Eiserne Kreuz verliehen wurde. Oder eine ganze Dokumentengruppe („a unique and historical document grouping to the famous Waffen-SS“), bei der ein Preis vorsorglich gar nicht erst genannt wird.

Als sich ein Reporter der Sunday Times einen der intern kursierenden Kataloge beschafft hatte, ergab eine Überprüfung, daß einige von Formans NS-Dokumenten nur aus dem Document Center stammen können. Forman gibt sich, wie in seinem Gewerbe üblich, ahnungslos: „Ich habe alles in gutem Glauben in der Bundesrepublik gekauft. Es wäre entsetzlich, wenn Unterlagen dabei wären, die in Berlin fehlen.“ In seinem jüngsten Katalog findet sich neben dem Angebot einer amtlichen Ritterkreuz-Verleihungsurkunde allerdings eine Warnung an die Kunden: Juristische Folgen möglich. Vorsicht!“

Der ehemalige Vizedirektor des Document Center, Wolfgang Eberhard, soll häufig nach London geflogen sein, gaben Bekannte und Kollegen von ihm zu Protokoll. „Na und“, sagt er, „London ist eine wunderschöne Stadt.“

Die Ermittlungsbehörden sehen zwar in Wolfgang Eberhard und Armin Schäfer zwei Schlüsselfiguren des kriminellen Aktenschwunds, doch beide bestreiten, mit den Diebstählen das geringste zu tun zu haben. Bis heute ist nicht klar, auf welchem Wege die Dokumente von Berlin nach Hamburg gelangt sein könnten.

Obgleich die Berliner Morgenpost berichtet hatte, daß Prominente mit Akten aus dem Document Center erpreßt worden sind, blieb sie bislang jeden Beweis dafür schuldig. Es kursieren zwar im Militaria-Milieu etliche Gerüchte über Schauspieler, Politiker und Journalisten, die ihre Personalakten oder Mitgliedsausweise von NS-Organisationen gekauft haben sollen, doch konkrete Hinweise auf solche Machenschaften fanden die Ermittlungsbehörden bislang nicht.

Keiner der Beschuldigten muß in der Untersuchungshaft darben. Selbst wenn Verdächtige angeklagt werden und die Indizien dem Gericht für eine Verurteilung reichen sollten, haben sie keine drakonischen Strafen zu befürchten. Der moralische und der juristische Aspekt einer Straftat haben oft nicht viel miteinander gemein. Sowohl auf Diebstahl als auch auf Hehlerei steht eine Höchststrafe von fünf Jahren.

Doch selbst, wenn die Aktendiebstähle nicht vollends aufgeklärt werden können, eines haben sie bereits bewirkt: Endlich wurde die Übergabe des Berliner Archives an die Bundesrepublik wieder ernsthaft ins Auge gefaßt.

Bereits 1967 hatte die amerikanische Botschaft in Bonn dem Auswärtigen Amt zum erstenmal vorgeschlagen, das Document Center in deutsche Verwaltung zu übernehmen. Die Amerikaner wären die Erblast gern losgeworden, wenn Bonn bestimmte Voraussetzungen erfüllte. Zum Beispiel sollte zuvor das gesamte Material auf deutsche Kosten verfilmt werden; die Mikrofilme wollte das Nationalarchiv in Washington verwahren, wo sie dann jedermann zugänglich gewesen wären. Man fing auch gleich mit der Verfilmung an und belastete damit das Konto Stationierungskosten.

Freilich wollten die nun einsetzenden Verhandlungen nicht recht vom Fleck kommen. In Bonn regierte noch die Große Koalition, das im Lande als eine Art „Kabinett der Versöhnung“ galt: Kanzler Kiesinger war Nazi gewesen, Vizekanzler Brandt und Minister Wehner waren Nazi-Verfolgte. Niemand verspürte damals große Lust, sich ein „Danaergeschenk“ aufzuhalsen, das nur zu leicht zu parteipolitischen Zwecken gefleddert werden konnte.

Wäre da nicht der sozialdemokratische Bundestagsabgeordnete Karl-Heinz Hansen gewesen, der die Regierung immer wieder mit Anfragen nervte, man hätte das Thema wohl vergessen. Immerhin kamen in Bonn Bedenken zutage, die sicherlich zum Teil berechtigt waren, zum Teil auch vorgeschoben gewesen sein mögen: Die Souveränität der Bundesrepublik würde verletzt, wenn amerikanische Behörden und Wissenschaftler auch nach einer Übergabe an die Deutschen unbeschränkten Zugang hätten; der Persönlichkeitsschutz der kleinen Nazis müsse gewahrt bleiben; die Benutzungsordnung sei noch nicht abgeklärt. Dann kamen die Verhandlungen über ein neues Berlin-Abkommen der vier Besatzungsmächte dazwischen; nun fürchtete man, eine neue Bundesbehörde in West-Berlin könnte die Sowjetunion verärgern.

Dem Abgeordneten Hansen wollte es hingegen nicht einleuchten, daß „diejenigen, die damals geholfen haben – sei es durch verbrecherische Thesen in Doktorarbeiten –, den millionenfachen Mord mitvorzubereiten oder ihn vom Schreibtisch aus zu organisieren, heute ein Recht darauf haben wollen, unerkannt zu bleiben.“ Vor allem die Wähler sollten wissen, „mit wem sie es zu tun haben, auch wenn der Betreffende, der für ein öffentliches Amt kandidiert, in die NSDAP eingetreten ist um der Förderung seiner Karriere willen. ..“ 1978 ließ sich Hansen dann in einem Interview für die BBC zu der Äußerung hinreißen, die Regierung sträube sich gegen die Übernahme des Document Center, um Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens zu schützen. Dafür wurde er von der SPD-Fraktion gerügt.

Da die Verhandlungen nicht vorankamen, wurde die Verfilmung der Akten 1974 abgebrochen. Bis dahin war erst die Hälfte aufgenommen – angefangen hatte man mit dem Bestand „Oberste Parteigerichte“, aufgehört bei den „Physikern“. Erst 1980 handelte/die Regierung Schmidt mit den Amerikanern den Entwurf eines Regierungsabkommens aus, worin den USA ein vollständiger Satz von Mikrofilmen zugesagt wurde. Inzwischen hatte man sich in Bonn darauf geeinigt, die Berliner Nebenstelle des Bundesverwaltungsamtes als zuständig zu erklären.

Nach dem Amtsantritt der Regierung Kohl stockten die Verhandlungen abermals, und zwar, wie in Bonn zu hören war, aus „internen“ amerikanischen Gründen. Als in Bonn die Finanzprobleme anwuchsen, begann man sich in Ämtern und Ausschüssen zu fragen, ob Stationierungskosten für Mikroverfilmung nicht zweckentfremdet seien. Schließlich schuf man im Haushalt des Bundesinnenministers für die Übernahme des Document Center die Titelgruppe 0615. Doch die Mittel – 1,5 Millionen Mark 1985 und in den folgenden Jahren bis 1988 je eine halbe Million – blieben vorerst vom Haushaltsausschuß gesperrt, weil immer noch nicht feststand, ob die Amerikaner auch nach vollständiger Verfilmung das Archiv hergäben.

Diese Bedenken wurden erst Anfang dieses Jahres – nachdem der Skandal in Berlin ruchbar geworden war – durch eine amerikanische Verbalnote ausgeräumt. Auswärtiges Amt und Innenministerium signalisierten vorige Woche dem Finanzminister, er könne die Mittel jetzt entsperren. Die Amerikaner brauchten mehr als sieben Jahre, um die Hälfte der Akten zu verfilmen. Schneller schaffen es die dreißig Mitarbeiter des Document Center nicht, weil sie ja außerdem Anfragen beantworten. Wenn das so ist, warum gibt man da nicht das Document Center, das ohnehin wenig professionell geordnet ist und unzulängliche Arbeitsbedingungen hat, schon jetzt in die Regie des Bundesarchivs? Mikrofilme würde man unter deutscher Verwaltung viel rascher herstellen.

Vor der Übergabe wollen die Amerikaner auch noch ihre Verbündeten in Berlin, die Briten und Franzosen, konsultieren. Bonner Politiker halten diesen Vorbehalt für eine reine Formalität; informierte Kreise in West-Berlin jedoch sind sich da nicht so sicher. Zuerst muß überhaupt erst noch nachgeprüft werden, wer im einzelnen die Dokumente gefunden habe und wer der Eigentümer sei.

Sicher ist nur eins: Es wird noch lange dauern. Wenn die Akten endlich in deutsche Hände übergehen, wird das Durchschnittsalter der einstigen Nazis bei über neunzig Jahren liegen: Die biologische Entsorgung der deutschen Geschichte.