Von Ulrich Schiller

Salt Lake City, im März

Vor zwei Jahren versprach Präsident Reagan dem deutschen Bundeskanzler, bis 1992 sollten alle chemischen Waffen und Kampfstoffe der US-Armee vom Boden der Bundesrepublik verschwinden. Zu entscheiden blieb, ob die amerikanischen Bestände abtransportiert oder an Ort und Stelle vernichtet werden sollen. Lange wurde zwischen Washington und Bonn verhandelt. Wie jetzt zu hören ist, sollen die amerikanischen C-Waffen in die Vereinigten Staaten zurückgebracht werden. Zur Begründung wird angeführt, sie stellten nur einen kleinen Teil des gesamten amerikanischen C-Waffen-Arsenals dar und sie seien in einem besseren Zustand als große Teile der in den Vereinigten Staaten gelagerten Bestände. Einzelheiten über den Transport, hauptsächlich aus der Gegend um Pirmasens, sollen nicht an die große Glocke gehängt werden.

Reagans Zusage an Bundeskanzler Kohl war nicht nur das Ergebnis deutschen Drängens. Der Kongreß hatte schon vorher ein Gesetz verabschiedet, wonach alle seit dem Zweiten Weltkrieg bis 1968 hergestellten C-Waffen der US-Armee bis 1994 vernichtet sein sollten, einschließlich der außerhalb Amerikas gelagerten Bestände. Zur Begründung führte der Kongreß an, Risiken und Kosten der Lagerung der alten Bestände wüchsen ständig. Die Gefahr, daß Gase entweichen, würde von Jahr zu Jahr größer; ein Flugzeug könne auf die Lagerstätten stürzen, ein Erdbeben sie aufreißen. Zweieinhalb Milliarden Dollar wurden für das Vernichtungsprogramm veranschlagt. Nur unter der Voraussetzung, daß dieses Programm zügig durchgeführt wird, war der Kongreß bereit, der Herstellung neuartiger chemischer Waffen zuzustimmen. Ende 1987 wurde mit der Produktion "binärer" Kampfstoffe begonnen: Zwei verschiedene chemische Substanzen werden getrennt voneinander, also risikofreier, aufbewahrt; erst zusammengeführt verbinden sie sich bei einer Explosion zum Kampfstoff. Bis zu einem vollständigen und weltweiten C-Waffen-Verbot glaubt die Regierung Reagan angesichts der sowjetischen Arsenale auf chemische Waffen nicht verzichten zu können.

Die alten C-Waffen-Bestände sind über das ganze Land verteilt in acht Depots gelagert. Die Armee entschied sich, für jedes Depot eine Vernichtungsanlage zu bauen. Die Zerstörung an Ort und Stelle schließt die mit dem Transport über weite Strecken verbundenen Gefahren aus. Unfälle mußten ebenso einkalkuliert werden wie die Möglichkeit terroristischer Anschläge. Überdies hätten sich viele Gemeinden einem Transport von C-Waffen durch ihr Gebiet heftig widersetzt. Die Zeiten haben sich geändert. Die öffentliche Sicherheit wird nicht mehr allein dem Militär überlassen. Die Kosten ihrer Zerstörung übersteigen so die ihrer Herstellung um mindestens das Zwanzigfache. Denn die Armee muß alle Baupläne mit den Umweltschutzgesetzen in Einklang bringen.

Der Prototyp der geplanten Vernichtungsanlagen steht im Staate Utah. Man verläßt die Hauptstadt Salt Lake City gen Westen, bleibt eine Weile am großen Salzsee und biegt dann nach Süden ab. Bei der kleinen Stadt Tooele liegt das Hauptquartier der Armeedepots, in dem der größte Teil aller amerikanischen Chemiewaffenbestände – 42 Prozent – gelagert ist. Vom Hauptquartier aus fahren wir auf leerer Straße in ein Wüstengebiet. Die mächtigen schneebedeckten Gipfel der Rocky Mountains säumen das Hochplateau. Nach dreißig Kilometern ein Zaun, das erste Tor, Baracken. Ein Paket mit Gasmaske und mit Impfampullen zur ersten Selbsthilfe liegt für uns bereit. In einer Isoherkommen wird der Sitz der Gasmaske getestet. Der Besucher muß einen Text vorlesen, der angeblich Ober- und Unterkiefer zu besonders starker Bewegung zwingt. Erst als ich die Maske etwas lüfte, nehme ich den süßlichen Bananenmief wahr. Ich bin okay.

Ein amerikanischer Kollege mit fülligem Bart wird erbarmungslos vor die Entscheidung gestellt: entweder Bart ab oder keine Besichtigung der C-Waffen-Vernichtungsanlage. Die Sicherheitsvorkehrungen dulden keine Ausnahme, ein Unfall in der Anlage kann nie ausgeschlossen werden. Der Kollege bleibt zurück.