Die alteingesessenen Lagerfirmen wehren sich gegen ihre Vertreibung

Von Dirk Kurbjuweit

Bei der ersten Fuhre heute morgen ist ein Sack geplatzt. Nun liegt der Zentner Hibiskusblüten verstreut auf der Straße. Der Regen wäscht die Farbe aus den Blättern und tönt das Kopfsteinpflaster rot. Die Arbeiter fluchen über das Wetter, während sie die neue Fuhre abladen. Zu zweit packen sie einen Sack Café do Brasil, wuchten ihn von der Ladefläche und schwingen ihn herüber zu der Partie Säcke, die schon auf der Straße gestapelt ist. Weil es der letzte Sack war, knüpfen sie eilig ein Band um den Stapel, lassen den Lasthaken einschnappen und fliehen aus dem Regen. Das Seil am Haken strafft sich, und die Säcke wandern in gemächlicher Fahrt aufwärts, begleitet vom leisen Surren der Winde. Ein Sack muß ein Loch haben, denn ein dünner Faden grünlicher Rohkaffeebohnen rieselt herunter.

Die Säcke gleiten vorbei an einer Fassade des letzten Jahrhunderts, reich verziert, mit winkeligen Erkern und Rundbögen über fast blinden Fenstern, alles aus rotem Backstein gemauert. Ganz oben, wo unter einer Kupferhaube das Seil über die Rolle der Winde läuft, ragen Zinnen und Türmchen in den Himmel. Der Regen überzieht die hundert Jahre alte Fassade mit neuem Glanz.

In der vierten Etage steht eine Ladeluke offen, und das Seil stoppt. Ein Arbeiter wartet, bis die Säcke heranpendeln, greift sie mit einer kurzen Stahlkralle und zieht sie herein. Zwei Mann, ein Sack, ein dritter hält die Sackkarre hin. Rasch verschwindet die Partie hinten im Speicher. Ein Arbeiter macht mit Bleistift die Strichliste an der Wand komplett. Es scheint, als hätten die dicken Mauern der Hamburger Speicherstadt die Arbeitsweise des vergangenen Jahrhunderts konserviert.

Drüben, auf der anderen Seite des Zollkanals, steht Arthur Grawe hinter seiner Ladentür, gegen die der Regen prasselt. Er beobachtet das Auf und Ab der Haken und sieht die dunklen Wolken über den grünen Dächern der Speicherstadt.

Vielleicht kommt ein Kunde und kauft für 10,50 Mark einen Sackgreifer mit kurzen Stahlkrallen. Arthur Grawe könnte ihm noch einen Handhaken für Seekisten empfehlen oder einige Probestecher, dicke für Kaffeesäcke, dünne für Zuckersäcke; vielleicht auch eine Mausefalle oder eine dicke Nadel mit Öhr und gebogener Spitze, um Säcke zuzunähen. Das passende Garn hat er auch im Angebot.