Bohumil Hrabals Roman „Ich habe den englischen König bedient“

Von Detlef Rönfeldt

Es ist an der Zeit, den deutschen Lesern einen Autor ins Gedächtnis zu rufen, der seit Mitte der sechziger Jahre zu den profiliertesten Vertretern der tschechischen Prosa gehört, bei uns jedoch, trotz der steten Bemühungen des Suhrkamp-Verlags, ein wenig in Vergessenheit geraten ist. Die Rede ist von Bohumil Hrabal, der Anlaß das Erscheinen seines opus magnum, des Romans „Ich habe den englischen König bedient“, der nun endlich in deutscher Sprache vorliegt, siebzehn Jahre nach seiner Entstehung und sieben Jahre nach Erscheinen einer französischen Ausgabe.

Trotz der Bestseller-Erfolge Milan Kunderas, der jetzt in aller Munde ist, begegnet man hierzulande der tschechischen Literatur immer noch mit Desinteresse. Die Frage stellt sich, ob Kundera – der Exil-Tscheche – auch ohne den Umweg über Frankreich bei uns so bekannt geworden wäre, und ich fürchte, man muß sie verneinen. Bei Bohumil Hrabal, der – im Unterschied zu Kundera – die ČSSR nicht verlassen hat, obwohl auch er nach 1968 in seiner Heimat lange Jahre nicht publizieren durfte und erst 1987 wieder in den Schriftstellerverband aufgenommen wurde, liegt der Fall nur wenig anders. Sein Name ist bisher selbst vielen Literaturkennern bei uns kein Begriff, obwohl Hrabal schon früh, Mitte der sechziger Jahre, ins Deutsche übersetzt wurde, und obwohl die Zahl seiner hierzulande erschienenen Bücher inzwischen auf zwölf angewachsen ist. Bleibt nur zu hoffen, daß auch in seinem Fall der Umweg über Frankreich dazu beiträgt, einem tschechischen Autor die Aufmerksamkeit zu verschaffen, die er verdient.

In seiner Heimat gehört Hrabal, Jahrgang 1914, der wie Kundera im mährischen Brünn geboren wurde, zu den meistgelesenen Autoren. Auch die Jahre, in denen seine Werke nur in den Typoskript-Ausgaben der „Edice Petlice“, des tschechischen Samisdat, kursieren konnten, haben seiner Popularität keinen Abbruch getan. Bekannt wurde er 1963 mit seinem ersten Erzählungsband, und in den darauf folgenden Jahren konnte er vieles von dem veröffentlichen, was er bis dahin geschrieben hatte. Bis 1968 entstanden sieben Bücher mit zumeist kurzen Texten, in denen er aus der Perspektive der „kleinen Leute“ das ganz normale Leben in seiner oft so überraschenden Absurdität schilderte. Einen „Hašek des Sozialismus“ hat man ihn genannt, weil er unter der Tarnkappe scheinbarer Naivität mit großer Leichtigkeit und in oft derbwitziger Form Wahrheiten auszusprechen wagte, deren Sprengkraft durch groteske Übersteigerung und burleske Komik nur scheinbar abgefedert wurde. Als Erbe des Jaroslav Hašek, der den „Schwejk“ erfunden hat, gilt Hrabal aber auch wegen seines eigenwilligen umgangssprachlichen Erzähltons, dessen Vorbild das schon von Hašek fruchtbar gemachte „Kneipengespräch“ ist.

Fräuleins aus den schönen Häusern

Viele der Protagonisten Hrabals scheinen in der Tat an einem Tresen zu stehen und zu schwadronieren. „Bafler“ hat Hrabal sie genannt, jene zumeist ganz gewöhnlichen Menschen, die das Leben durch „das diamantene Auge der Einbildungskraft“ sehen und in deren ungeordnetem, bierseligen Gerede oft genug unvermutete Wahrheiten ans Licht kommen – auch wenn sie die Wirklichkeit verzerren oder auf den Kopf stellen. Diesen Menschen und ihren Wahrheiten hat von Anfang an Hrabals ganze Liebe gehört. Nicht zufällig hieß sein Erstling: „Die kleine Perle auf dem Grund“.