Von Bernhard Wördehoff

Staatsbesuche sind Politik, eingewickelt in das traditionelle Seidenpapier des Protokolls. Die schöne Hülle ist in Tagesschau und heute zu besichtigen: Beleg dafür, daß das Staatsoberhaupt tatsächlich dort ist, wo man es auch vermutet hat.

Staatsbesuche sind ausgeklügelte Veranstaltungen. Die Afrika-Reise des Bundespräsidenten in der ersten Märzhälfte zum Beispiel, war seit zwei Jahren geplant.

Damit bei einem solchen Unternehmen sich nicht der Zufall als Reisebegleiter einschleichen kann, wird eine Vorausdelegation in Marsch gesetzt. Zusammen mit den Gastgebern trachtet sie an Ort und Stelle den Ablauf der Visite in allen Details festzulegen. Das verlangt diesen Reisemarschällen hohe diplomatische, vor allem organisatorische Fähigkeiten besonders dann ab, wenn Bundespräsident Richard von Weizsäcker auf Staatsreisen geht. Seine Vorgaben zielen auf ein möglichst umfassendes Bild vom Besuchsland am Ende der Reise. Sein Begriff von Politik begnügt sich auch bei diesen Gelegenheiten nicht mit repräsentativen Begegnungen in Empfangsräumen der Staatshäuser, mag sich nicht auf Gespräche mit seinen Präsidentenkollegen und Politikern beschränken. Er will die Wirklichkeit kennenlernen, die vorbereitende Lektüre von Berichten und vielfältiger Literatur am Urteil aus eigener Erfahrung prüfen. Darum sucht er die Begegnung mit den Menschen, hört Intellektuellen im Besuchsland zu, setzt sich mit Künstlern auseinander, befragt Vertreter der Wirtschaft, will die Meinung der sozialen Helfer erfahren, befragt Gläubige jeglicher Religion, spricht mit Entwicklungshelfern. Das bedeutet Ausflüge ins Land mit allen möglichen Transportmitteln. Art, Umfang und Dauer solcher Exkursionen lassen eine Vorstellung davon aufkommen, was als Survival-Training von einer Spezialtouristik angeboten wird. In seiner Wißbegier ist Weizsäcker strapaziös gründlich.

Vor seiner Afrika-Reise in den ersten 16 Märztagen mußte die Vorausdelegation versuchen, Weizsäckers Wünsche mit Möglichkeiten und Wirklichkeit der vier Länder Mali, Nigeria, Simbabwe und Somalia in Einklang zu bringen. Das Ergebnis der 25tägigen Reise: Vier Programm-Drehbücher mit insgesamt 306 Programmpunkten, auf die sich die Delegation (Erhard Holtermann, Chef des Protokolls, Eberhard von Puttkamer, Leiter des außenpolitischen Referats im Bundespräsidialamt, Dietmar Kreusel, Protokollreferent, Franz Mannhart, Leiter des Afrika-Referats im Informations- und Presseamt der Bundesregierung, Jörg Schubach, Leiter der Sicherheit und Michael Göllner, Delegationssekretär) mit den Gastgebern verständigte. Damit ein Staatsbesuch auch als solcher erkannt wird, beharrt das internationale Protokoll auf bestimmten Usancen: Militärische Ehren bei jeder nur möglichen Gelegenheit, Nationalhymnen (sie erklangen wohl mehr als hundertmal auf dieser Reise), 21 Schuß Salut bei der Ankunft, Kranzniederlegungen, Staatsbankette. Das alles ist penibel zu regeln. Aus dem Programm-Drehbuch für den Besuch des Herrn Bundespräsidenten und von Freifrau von Weizsäcker in der Republik Mali nach der Ankunft am 1. März 1988 15.00 Uhr OZ- (=MEZ – 1):

Teilnehmer: Offz. Delg.; SGäste; Bo; Chef Mali; ChefProt, Stab Pr.

Kleidung: Gedeckter; leichter Sommeranzug; kurzes Sommerkleid oder -kostüm (Evtl. Hut als Sonnenschutz; keine Handschuhe)