ZDF, Freitag, 25. Mirz, 22.10 Uhr: „Das literarische Quartett“

Nein, langweilig war sie nicht, die erste Sendung des „Literarischen Quartetts“, einer neuen Diskussionsrunde in der Zuständigkeit der aspekte-Redaktion. Ein Quartett besteht aus vier Musikern, die zusammenspielen. Dieses Quartett besteht aus vier Solisten, die gegeneinander spielen.

Besetzung: Erste Geige (wie auch anders?) Marcel Reich-Ranicki, Literaturchef der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Er gab den Ton an und spielte den Schlußackord alleine. Zweite Geige Hellmuth Karasek, Feuilletonchef des Spiegel. Er spielte hübsch den Kontrapunkt. Viola d’amore Sigrid Löffler, Kulturjournalistin des österreichischen – Magazins profil. Ihr Klang war etwas spitz und ließ an Fülle zu wünschen übrig. Kontrabaß (wieso Kontrabaß?) Jürgen Busche, stellvertretender Chefredakteur der Hamburger Morgenpost, die man nicht mit dem „Morgenblatt“ verwechseln sollte. Sein Strich war kräftig, aber nicht ganz sauber.

Diskussionen im Fernsehen haben ihre eigenen Gesetze. Es sind Wettkämpfe, für. die es allerdings noch kein einheitliches Punktesystem gibt. Probieren wir das folgende: Da wäre zuerst die reine Sprechdauer, bei Fernsehauftritten ein ungeheuer wichtiges Kriterium. Wertung: Platz 1 Reich-Ranicki, Platz 2 Busche, Platz 3 Karasek, Platz 4 Löffler. Dann, nicht weniger wichtig, der Unterhaltungswert der Auftritte: Platz 1 Reich-Ranicki, Platz 2 Karasek, Platz 3 Busche, Platz 4 Löffler. Schließlich das Kriterium Urteilskraft, also die Stichhaltigkeit der Argumente, die im Fernsehen bekanntlich keine große Rolle spielen, bei einer literarischen Debatte aber immerhin erwähnenswert scheinen: Platz 1 Karasek, Platz 2 Löffler, Platz 3 Reich-Ranicki, Platz 4 Busche.

Das nicht allzu überraschende Ergebnis: Gold für Reich-Ranicki, Silber für Karasek, Bronze für Busche, Dabei-sein-ist-alles für Löffler.

Unmerklich, aber nicht grundlos haben wir die Musikmetapher verabschiedet und uns dem angemesseneren Feld des Leistungssports genähert. Auch bei literarischen Diskussionen gibt es Gewinner und Verlierer. Auch hier zählen Schnelligkeit, Kraft und Technik. Was das betrifft, können wir mit der neuen Mannschaft zufrieden sein. Eine kleine Spielerkritik sei dennoch erlaubt:

Reich-Ranicki: Spielmacher, feldbeherrschend wie immer, sollte gelegentlich den Ball abgeben. Sehr harmonisch die Eröffnung mit dem Alleingang über Andrzej Szczypiorskis Roman „Die schöne Frau Seidenman“. Souverän auch in aussichtsloser Position wie bei der Verteidigung von Ulla Hahn. Immer wieder verblüffend die alten Tricks. Er sagt: „Ich stimme Ihnen vollständig zu“ und erzählt dann das Gegenteil. Läßt keine Torchance aus, ballert oft daneben.