Fünftes Kapitel

Was man thun soll, daß bey Sterbefällen die Leute nicht eher begraben werden, als bis sie todt sind.

Bis ich todt bin, begrabt mich nicht!

Sonst klag ich es vor Gott’s Gericht.

Man hat leider! gar viele und klägliche Exempel, daß Leute sind begraben worden, welche nicht wahrhaftig todt waren: sondern nur in tiefen Ohnmächten lagen und scheintodt waren. Ein Mensch ist nämlich nicht gleich todt, wenn er nicht mehr hört, nicht sieht, sich nicht bewegt, und nicht mehr Athem holt. Er kann ganz kalt, starr und steif seyn, und lebt doch noch. Er kann sogar blaue Flekken am Leibe haben und die Augen können ihm gebrochen seyn, und ist doch nicht todt. Solche tiefen Ohnmächten entstehen, wenn das Blut aufhört in den Adern zu fließen, und wenn das Herz und der Puls still steht. Aber da ist der Mensch noch nicht todt: sondern nur scheintodt. Er stirbt alsdenn erst, wenn das Blut in seinen Adern gerinnt, und sich scheidet, wie saure Milch: da geschiehet erst der rechte Tod. Bei jungen Leuten geschieht es nun öfter als bey alten, daß sie aussehen, als wären sie todt, und sind es nicht. Doch ist zu Waltershausen in Sachsen-Gotha auch eine Frau von 70 Jahren wieder erwacht, als sie schon abgewaschen und angekleidet war. Ihr Schwiegersohn wollte mit Hülfe einer Nachbarin die Leiche aus dem Bette heben. Da sagte die Nachbarin: er solle sie bey der großen Fußzehe anfassen; weil man den Glauben hat, die Todten kämen nicht wieder, wenn man es so mache. Ob nun wohl kein Todter, der wirklich todt und begraben ist, wieder kommen kann: so that es der Mann doch. Und siehe da! was geschieht? Die alte Mutter richtet sich auf, und streckt ihre Arme nach dem Schwiegersohne aus, der vor Schrecken fast zu Boden sinkt. Sie lebte nun noch drey Tage, ehe sie wirklich starb. Diese Frau wäre also gewiß im Grabe wieder aufgewacht, wenn man sie zu bald begraben hätte, welches aber in Sachsen-Gotha von der Herrschaft verboten ist.

Die Krankheiten, bey welchen der Mensch so sehr von Sinnen kommen und ohnmächtig werden kann, als ob er todt wäre, sind Schlagflüsse, Stickflüsse, Blutflüsse, fallende Sucht, Starrsucht, Schlafsucht, Mutterbeschwerden, Milzsucht, Darmgicht, Pest. So auch wenn Mütter oder Kinder über der Geburt oder gleich darnach verscheiden, oder wenn die Mutter stirbt, ehe sie gebohren hat, da das Kind noch leben kann. Am öftersten geschiehet es aber, wenn Leute, die sonst gesund sind, plötzlich ums Leben kommen, es sey durch innerliche Zufälle, oder durch äußerliche. Daher denn auch ertrunkene, erhenkte, von bösen Dünsten erstickte, vom Blitz getroffene, erfrorne, vor Freuden oder Schrecken gestorbne, schwer gefallne, oder an einer Wunde verblutete Personen nicht für todt, sondern nur für ohnmächtig zu halten sind: bis man ordentlich probiert hat, ob sie noch Leben in sich haben. Auch muß man besonders vorsichtig bey solchen seyn, welche sonst zu Zeiten Ohnmächten gehabt haben.

Es giebt aber kein ganz gewisses Zeichen des wirklichen Todes, als den faulen Todtengeruch, den jedermann unterscheiden kann: und, wenn dieser sich einstellt, fangen die Leichen auch an, zu gähren; so daß der Schaum vor den Mund tritt, und schwarzblaue Flecken am Leibe zum Vorschein kommen. Dieses muß man bey jedem Verstorbenen abwarten, ehe man ihn begräbt: aber länger braucht man nicht zu warten. Wenn sich diese Zeichen auch schon etliche Stunden nach dem Absterben einstellen, so ist der Todt doch gewiß.