Von Helmut Schödel

Eigentlich ist Woody Allens neuer Film "September" eine Rückblende. Er spielt im August, in den letzten Tagen des Sommers in einem Landhaus in Vermont. Ein Tag geht zu Ende, ein anderer beginnt. Im September werden Landhaus und Garten verkauft und alle dorthin zurückgekehrt sein, woher sie kamen. Mit dem Sommer wird der melancholische Aufstand gegen Lebenskrisen, Ehekrisen, Schaffenskrisen zu Ende sein. Voraus gingen die Fehler, danach kommen die Folgen. Man wird sich fügen in das ungeschickte Leben, sich arrangieren mit dem ungeliebten Alltag. September – das ist der Herbst unserer Hoffnungen.

Da hängt noch ein Sonnenhut! Die Kamera führt uns durch das Haus. Spiele stehen noch herum. Auf einer Couch sitzt Stefanie (Dianne Wiest) mit Howard (Denholm Elliott). Man tut nichts Besonderes, trinkt, übt sich in französisch, schließlich ist Stefanies Lebenstraum Paris. Sie macht in Vermont Urlaub von ihrer eintönigen Ehe mit einem Radiologen. "Irgendwann habe ich angefangen, nur noch ganz gleichförmig weiterzuleben", wird sie später sagen. Und: "Ich kann nur weglaufen, was anderes kann ich nicht."

Lane (Mia Farrow) stürzt ins Haus. Nach einem Selbstmordversuch ist sie hierhergezogen, inzwischen glücklos in ihren Untermieter verliebt, Peter, einen heillosen Schriftsteller (Sam Waterston). "Ich weiß einfach nicht, was ich will", wird sie später sagen. Und, mit einem von Tränen zerflossenen Gesicht: "Ich bin völlig zerstört." Ihre randlose Brille sitzt ihr wie eine Pointe im Gesicht. Brillenträger, das wissen wir von Woody, führen ein kompliziertes Leben.

So beginnt eine Geschichte, in der wir selber schon mitgespielt haben. Woody Allen läßt keine Sekunde einen Zweifel daran, daß er sie sogar schon von Tschechow kennt. Ein Kompliment ist das nicht. In der Rückblende erscheinen uns unsere Melancholien und Verzweiflungen wie ein altes Stück. Das Flüstern, das Heulen, der Lärm der Zänkereien: eine laute Partitur, die Woody Allen mit leise swingender Musik sanft kaputtsabotiert. Immer wieder zeigt uns die Kamera den Plattenspieler, und wie das Label rotiert: "On a Slow Boat to China", "What’ll I do", "Night and Day". Rille für Rille bewegen wir uns septemberwärts, auf (ironische) Distanz.

Schon die Vorfahren von Lane und Peter, Stefanie und Howard, verfluchten auf ihren bankrotten Landgütern ihr verpfuschtes Leben. Am Ende der "Drei Schwestern" heißt es: "Ist doch alles egal!" Wie gelähmt vor Melancholie konnten Tschechows Menschen nicht mehr als dies: "...wir philosophieren bloß, klagen über Langeweile oder trinken Wodka." Auch in diesem Landhaus in Vermont wird ständig Whisky eingeschenkt und runtergespült. Gläser verdecken die Gesichter, die uns die Kamera immer wieder vorhält. Sätze verhallen im Glas, Hände umklammern es. Schallplatten und Whiskyflaschen – das sind die Statisten dieses Films.

Diane, Lanes Mutter (Elaine Stritch) erinnert an die verkommene Ranewskaja, Gutsbesitzerin in Tschechows "Kirschgarten". Gemeinsam mit ihr betrachten wir ihr Gesicht im Spiegel: Von Alkohol und Exzessen zerstört, eine Heroine. "Alt werden ist die Hölle", krächzt sie mit einer Stimme wie ein Reibeisen: "Alle Kräfte, die die Stütze deines Lebens waren, fehlen dir Stück für Stück."