Von UlrichGreiner

Beuys ist tot. Ob seine Werke leben, seine Zeichnungen, Skulpturen und Installationen, das hängt nicht mehr von ihm ab, sondern von uns, den Betrachtern. Das hinterlassene Werk muß von nun an ohne die Erläuterungen seines Schöpfers auskommen, es ist frei für Deutungen. Was Beuys dazu gesagt, was er damit gewollt hat, das zu wissen ist interessant und hilfreich, aber nicht in jedem Fall erheblich.

Die Selbstinterpretation des Künstlers ist immer nur eine der möglichen Interpretationen, und für jedes Kunstwerk gilt, daß es die einzige Auslegung seines Sinnes nicht geben kann. Der Sinn entsteht im Kopf (vielleicht auch im Bauch) des Betracht ters. Die Ausstellung im Berliner Martin-Gropius-Bau, die größte, die es bislang gab, und die erste nach dem Tod von Beuys, eröffnet also weniger die Frage, welche Ziele Beuys mit seiner Kunst verfolgt hat, sondern vor allem die Frage, was wir an Beuys haben.

Was haben wir an Beuys? Sein Werk ist rätselhaft, um das mindeste zu sagen. Diese Rätselhaftigkeit steigert sich, wenn wir die zumeist wolkigen und fast platten Absichtserklärungen von Beuys zur Kenntnis nehmen. Sie helfen uns ein kleines Stück weit, und dann stehen wir kaum klüger als zuvor und sehen Gegenstände, deren krude Banalität kaum zu unterbieten ist: Filz, Fett, Holz, Stein, Schrott, Müll.

Der Kniff von Beuys, und vielleicht ist es große Kunst, besteht darin, daß er diese Gegenstände zu einem Zusammenhang ordnet, aus dem unversehens etwas Neues, Nichtbanales erwächst: eine Aura des Geheimnisvollen, des Archaischen und zugleich des tückisch Vieldeutigen. Der Kontrast zwischen dem Sichtbaren und dem Denkbaren, zwischen dem purem Material und seinem bedeutungsschwangeren Arrangement, ist bei Beuys noch gewaltiger als bei moderner Kunst ohnehin üblich, und dieser Kontrast regt uns zu Spekulationen und Phantasien an, die zu keinem Ende kommen.

Leider werden wir damit nicht allein gelassen. Die Berliner Ausstellung hilft ihren ratlosen Besuchern mit übermannshohen Schrifttafeln, auf denen Kunstexperten mit Erklärungen und Deutungen wacker ihre Zuständigkeit demonstrieren. Immerhin kann der wißbegierige Betrachter den Texten manchen nützlichen Hinweis auf die Entstehungsgeschichte der sogenannten Rauminstallationen entnehmen.

Aber so leicht wegen ihrer großen Buchstaben die Schrift auch zu lesen ist, so rätselhaft ist oft ihr Inhalt. Es scheint so, als hätten die Kunstspezialisten versucht, der Undurchdringlichkeit von Beuys mit der Undurchdringlichkeit ihrer Texte gerecht zu werden. Angenommen, dies wäre ihre Absicht, so stellten sich die Interpreten mit dem Interpretierten auf die gleiche Stufe, was im gegenwärtigen Kunstbetrieb keine Seltenheit ist, was aber den Betrachter vor die leicht zu beantwortende Frage stellt, welches Rätsel er vordringlich lösen möchte: das der Texte oder das von Beuys. Denn die Schrifttafeln sind bei näherer Überlegung ein Zeugnis des höheren Schwachsinns, was für den Fall Beuys zu behaupten leichtfertig wäre.