Claudio Monteverdi: „Orfeo“

Nahezu zwei Jahrzehnte hat diese „Favola in musica“ John Eliot Gardiner beschäftigt. Seine als non plus ultra zu wertende Neuaufnahme kann fraglos als Markstein in der Rekonstruktions- und Interpretationsgeschichte gelten. Denn seit ihrem Erscheinen ist der Tatbestand unzweifelhaft: Bis auf ganz wenige Ausnahmen sind wir von den diversen Arrangeuren jenes umstürzlerischen Opernfragments (1607) beinahe arglistig getäuscht worden. Statt der Projektion auf die Gegenwart legten sie ihren Bearbeitungen das Klangideal des 19. Jahrhunderts zugrunde, meist überfettete Farbflächen, die den Vorstellungen des Komponisten – der in einer Liste exakt 37 zu verwendende Instrumente anführte – gänzlich unangemessen waren. Mit der Lupe des Forschers wie mit den Hörerfahrungen der Neuzeit ist Gardiner an das Stück herangegangen. Kenntnis der stilistischen Spannweite deckt sich bei ihm mit der Beherrschung notwendiger Affektgestaltung. Das musikantische Profil der Protagonisten (Anthony Rolfe Johnson und Julianne Baird) ist vorbildlich, wie auch die übrigen Solisten, der Londoner „Monteverdi-Choir“ samt dem Ensemble „The English Soloists“ die Aufnahme zu einem erregenden Schallplattenereignis machen. (DG 419 2250-2) Peter Fuhrmann

Working Week: „Surrender“

Zahlreiche Ensembles und Solisten haben sich in den letzten Jahren um eine Renaissance des Mainstream-Jazz bemüht. „Working Week“ gehörte zu den wenigen Gruppen, die das Genre nicht mit nostalgischem Mode-Klang verwässert haben, sondern seine Ausdrucksmöglichkeiten zeitgemäß zu erweitern versuchten. Doch mit edlem Purismus erreicht man nicht die Massen. Also probierte das Trio unter Anleitung eines New Yorker Producers die Annäherung an populäre Funk- und Hip-Hop-Techniken. Das Album „Surrender“ wird seinem Titel glücklicherweise nicht gerecht. Denn „ergeben“ oder „verleugnet“ haben sich die Musiker auf ihrer dritten Schallplatte keineswegs. Die Spielvorlagen sind immer erstklassig, die Ausführung ist behutsam (wie beim Marvin-Gaye-Klassiker „Ain’t That Peculiar“) oder mitreißend wagemutig wie bei dem antirassistischen Choral „The Doctor“. Geradezu sensationell ist der inspirierte Vortrag der Sängerin Juliet Roberts bei der meisterlichen Ballade „Are Your Ort Your Own Tonight“. „Verrat“ wurde dem Trio hier und da wegen seines musikalischen Kurswechsels vorgeworfen. Aber einen qualitativ hochwertigen Ausweg aus einer kommerziellen Sackgasse zu suchen, ist noch kein Ausverkauf. (Virgin 208 673-630)

Barry Graves