Anfangs war es ein Volk von 14 bis 18 Vögeln, das laut rufend und mit schnellem Flügelschlag, als hätte es Mühe, die Wipfel der Fichten und Birken zu überwinden, nahe dem Ufer, in den See einfiel. Es war Ende September und es waren Kanadagänse, Vögel, die im hohen Norden gebrütet hatten, am Polarkreis, in der Tundra, und die nun hier, im südlichen Schweden, zum erstenmal auf Menschen, trafen. Mit dem Boot konnte man sich ihnen bis auf fünf Meter nähern. Sie flogen nicht davon, sondern hielten schwimmend Distanz. Arglos und neugierig zugleich, wie es schien. Zehn Jahre später schwebten achtzig oder hundert dem See zu. Manchmal teilten sie sich in zwei Gruppen, doch näher als etwa fünfzig Meter kam man mit dem Boot an die Vögel nicht heran. Wie alle Gänse stellten auch sie Wachen auf, alte Gänseriche, die auf dem See den Kurs bestimmten und, wenn es ihnen geboten schien, mit kurzen Schreien aufforderten davonzufliegen. Aus zutraulichen waren vorsichtige Vögel geworden.

Für mich ist die Kanadagans ein schöner Vogel. Im 17. Jahrhundert ist sie als Ziervogel nach England eingeführt worden. Ob ihre Verbreitung im nördlichen Europa aber allein auf diese frühen „Importe“ zurückzuführen ist, erscheint mir zweifelhaft. Diese Gans, mit schwarzem Hals und Kopf, einem weißen Wangenfleck und einer blaßweißen bis bräunlichen Brust, ist etwa so groß wie eine kleine Hausgans. Die Rückenfedern und die Flügel sind braun in Abstufungen mit schmutzigweißen Rändern. Der Bürzel weiß.

Auch die Kanadagans ist ein Pflanzenfresser. Wenn sie nicht schwimmt und Wasserpflanzen abgrast, ist sie, meist in den Morgenstunden, auf Wiesen und Feldern zu sehen. Auf schwedischen Wiesen und auf Golfplätzen hat sie den Rasen kurz gehalten, doch zum Verdruß der Bauern und der Spieler auch das hinterlassen, was ihre Gefräßigkeit produzierte. Die strengen schwedischen Jagdgesetze wurden modifiziert, und seither darf auf Kanadagänse früher geschossen werden als auf Enten.

Im letzten Herbst sind Kanadagänse auf den Rheinwiesen bei Köln gesehen worden. Auch an den Seen um München herum beobachtet man sie seit Jahren; sicherlich sind es nicht nur Ausflügler aus Populationen, die in zoologischen Gärten gehalten werden. Offenbar ist die Kanadagans ein Vogel, der der unfreundlichen Umwelt trotzt und sich neue Lebensräume erobert, der sein Brutgebiet vom hohen Norden nach Süden ausdehnt.

Die Weißwangengans oder Nonnengans von der Kanadagans zu unterscheiden, würde schwerfallen, wenn sie im selben Revier anzutreffen wären. Das aber ist, von Ausnahmen an der Ostseeküste abgesehen, nirgendwo möglich. Das Federkleid der beiden Gänse ist ähnlich, doch die Weißwangengans ist um ein knappes Drittel kleiner als ihre kanadische Schwester. An Binnengewässern sieht man sie nie; sie, die von Island bis Nowaja Semlja, also an arktischen Küsten brütet, ist an der deutschen Nordseeküste Durchzügler. Man muß Wattwanderer sein, um diese Vögel im späten Herbst, im frühen Winter auch, zu beobachten. Es sind noch immer große Gruppen beisammen, Tausende, doch von Jahr zu Jahr werden es weniger. Starenschwärme verdunkeln im Herbst, auch in deutschen Großstädten, oft den abendlichen Himmel. Doch das ist ein fahler Schatten gegenüber dem Augenblick, wenn man an einem milden Abend im April, etwa auf den Wattwiesen von Keitum auf Sylt nach Morsum geht, und sich den dort weidenden Ringelgänsen nähert. Brehm beschreibt das so: „Ihr Geschrei übertönt das Rollen der Brandung; ihre Massen gleichen, von ferne gesehen, wenn sie auffliegen, einem dichten, weitverbreiteten Rauche und machen jede Schätzung unmöglich.“ Beim Auffliegen größerer Scharen vernimmt man ein Gepolter, das fernem Donner gleicht...“ Und so ist es bis auf den heutigen Tag. Aufsteigende Scharen von Ringelgänsen, wenn sie Schatten werfen auf Dünen, Heide und Watt, sind, wie es heute heißt, eine Botschaft aus dem Urzustand der Welt. Diese Gans mit dem weißen Halsband und sonst dunkler gefleckt als die Weißwangengans, doch etwa gleich groß, hat es vermocht, Politiker zu Entscheidungen zu zwingen. Den Bauern auf den Nordfriesischen Inseln und den Halligen wird eine Entschädigung dafür gezahlt, daß die Ringelgänse von März bis Mai das frühe Gras von den Wiesen fressen, zum Nachteil der Schafe und Kühe. Auf den grünen Inseln im Wattenmeer mästen sich die Ringelgänse, bevor sie zu ihrem Flug an den Rand des nördlichen Eismeers aufbrechen, wo sie brüten. Schon im September kehren sie für kurze Zeit zurück. Sie überwintern an den südlichen Küsten Großbritanniens und Südwesteuropas.

Ringelgänse gehören zu den Vögeln, deren Lebensraum zwar im Verlauf der Jahreszeiten einen halben Kontinent umfaßt, doch ihre Chance zu überleben ist unlöslich verbunden mit dem Wattenmeer der Nordsee, ihren Inseln und grünen Wiesen. Sie sind die Startrampe, die es ihnen ermöglicht, im kurzen nordischen Sommer eine neue Brut hochzuziehen und damit zu überleben. Die Zahl der Ringelgänse, Schätzungen sind fragwürdig, war jedenfalls Anfang der siebziger Jahre sehr zurückgegangen; aufgrund strenger Vogelschutzbestimmungen, die auch akzeptiert werden, also kein Abschuß, nimmt man an, daß es heute wieder 200 000 Ringelgänse gibt. So schön die Beobachtung eines einzelnen Vogels ist, das gleichzeitige „Sich-in-die-Luft-Werfen“ von Tausenden von Vögeln ist ein unvergeßlicher Anblick. Der Name der Gans, auch wenn ihr Entree in die Weltgeschichte auf den Hügeln von Rom stattfand, ist germanischen Ursprungs. Bei den Germanen war sie schon Haustier, ehe die Römer über die Alpen kamen. Doch außer den erwähnten gibt es noch etwa vierzig Gänsearten in der Welt, ein knappes Dutzend davon ist auch bei uns heimisch, von der Saatgans über die Graugans bis zur weißen Hausgans.