Von Helmut Schödel

Selber watschn oder gewatscht werden (Ohrfeigen austeilen oder einstecken) – das bestimmt die Dynamik bayerischen Lebens noch immer. Erst letztes Jahr sah man Achternbusch im Kino durch München-Sendling stürzen. "To be a Sendlinger", sagte er (also ein Bayer sein wie er) "means to be punch drunk" (bedeutet: von vielen Schlägen benommen).

Benommen ist zur Zeit auch Cleo. Ingeborg Maria Kretschmer, die niederbayerische Filmnudel aus Klaus Lemkes Komödien, rekelte sich eben noch für Penthouse nackt "wie Gott sie schuf" im hawaiianischen Sand, Blumen im roten Haar. Und jetzt? Punch drunk wie Achternbusch.

Während ihres Hawaii-Aufenthaltes hat die Cleo, exklusiv für Penthouse bei den heiligen Wasserfällen mit den "Quellnymphen" gesprochen: "Sie haben mir auch Geschichten erzählt. Die darf man aber nicht weitererzählen!" Dann hat sie es doch getan, ausgerechnet bei einer Talk-Show im Fernsehen. Dabei hat sie Strauß mit Ludwig Huber, dem Ex-Landesbankchef (sowie ein paar Millionen Mark) verwechselt und dem Ministerpräsidenten die Frau von Thyssen ins Bett gelegt. Nymphomaninnen müssen es gewesen sein, mit denen sie sprach. Natürlich hat die bayerische Staatskanzlei sofort damit gedroht, "alle gebotenen Mittel" einzusetzen: Unterlassungsklage, Beleidigungsklage, Klage auf Schadenersatz. Overkill – das ist bayerisch und heißt: mit vielen Schlägen benommen machen.

Das mit der Thyssen hätte der Cleo nicht passieren dürfen. Schließlich versteht sie etwas von "Amore" und "Flitterwochen". Aber die zahllosen Affären dieser Republik – da ist sie überfordert, die kann sie nicht fassen. Man muß ihr doch nur ins Gesicht schaun: rund und voll beschwört es noch unter der Sonne der Südsee den Mond über Wegscheid, ihrer niederbayrischen Heimat. Eine weltläufige Landpomeranze ist sie. Cleo is a Sendling girl!

Der Cleo-Skandal liest sich wie eine von Gerhard Polts Geschichten, "fast wia im richtigen Leben". Der Autor aber ist: Bayern, der Freistaat (und die ihn verkörpern). Mit dem Kabarett auf dem Brettl, dem politischen (Sprach-)Witz und der alten Satire geht es zu Ende. Der Witz ist die Politik selber, die Satire ist Wirklichkeit geworden. Als "Realsatire" erscheint sie Polt. Auch der neue Polt-Abend in den Münchner Kammerspielen "Diri Dari", ein Volltreffer (mit der Biermösl Blos’n, Otto Grünmandl, Dieter Hildebrandt, Hanns Christian Müller, Clown Pic und Gisela Schneeberger), ist wieder eine Mischung aus Sketch, Revue (und Pantomime). Was in Zeitungsmeldungen, aus dem Mund des Nachrichtensprechers oder in kritischen Magazinbeiträgen des Fernsehens oft relativ abstrakt wirkt, wird bei Polt ausgespielt. Betont wird dabei das "spitting image". Das fauchende, spuckende Gesicht der Personen erleuchtet die Szene.

Oft sieht das bei Polt, wie in seinem neuen Film "Man spricht deutsh" fast liebenswert kurios und putzig aus. Aber das Kuriose an Bayern hat seine brutale Seite. Diese Brutalität hat viele Namen. Einer ist Gauweiler, Innenstaatssekretär: der Subalterne als Führernatur. Als er vor ein paar Wochen ein neues Sonderkommando der Polizei vorstellte, ging ein Bild durch die Presse, das ihn mit geballein Fäusten und zähnefletschend Polizei Das ist alles leider gar nicht komisch. Bayern – das brutale, das finstere. In "Diri Dari" spürt man jetzt manchmal so etwas wie Ekel und einen kernigen Defätismus. Endlich.