ZDF, Mittwoch, 6. April, 23.10 Uhr: „27 Stunden“ von Montxo Armendáriz

In einem Bassin schwimmen Fische. Sie umstreichen einander, stoßen sich an: Es ist die Zeit der Fütterung, und die Tiere kämpfen um jeden Brocken. Ein junges Paar beobachtet sie, durch eine Sichtscheibe. „Die haben wohl Hunger. Warum kriegen sie nicht mehr?“ wundert sich das Mädchen. „Die würden sterben“, sagt ein älterer Mann, der gerade vorbeikommt. „Eingeschlossen wissen sie nicht, was sie brauchen, und würden alles fressen, was man ihnen gibt.“ Draußen, im Meer, sei das anders, denn „da sind sie nicht eingeschlossen“. Vor dem dunklen Hintergrund des Beckens hebt sich der Schattenriß des Paares ab, und es scheint, als ob die beiden selber im gläsernen Sarg der Fische schwebten.

Auf der Bucht vor San Sebastian treibt ein Ruderboot. Drin sitzen ein Mädchen und zwei Jungen: Maite (Maribel Verdu) und Jon (Martxelo Rubio), das Paar aus dem städtischen Aquarium, sowie der gemeinsame Freund Patxi (Jon San Sebastian). Sie fangen Tintenfische: ein oberflächlich ruhiges Bild. Doch dann erzählt Jon von einem Bekannten; Felix sei erblindet, nachdem er sich eine falsche Spritze gesetzt habe. Auch Maite und Jon hängen an der Nadel, und Patxi will das nicht verstehen: „Warum macht ihr’s? Sagt nicht, daß es das war, was Felix wollte.“ Die beiden wissen keine Antwort. Maite zieht eine Angelschnur aus dem Wasser; am Haken zappelt ein Tintenfisch.

Der baskische Regisseur Montxo Armendäriz gehört zur nachwachsenden Generation spanischer Künstler, die sich in erster Linie dafür interessieren, was die Menschen ihrer jeweiligen Heimatregion bewegt. Bei dieser Suche nach den eigenen Wurzeln hatte sich Armendáriz in seinem Erstlingswerk von 1984, der Meditation über den Köhler „Tasio“, in raunende Bergwälder verstiegen. Jetzt aber zeigt Armendáriz eine Momentaufnahme aus dem Leben von Maite, Jon und den anderen, „27 Stunden“ lang: Leise trauernd, dennoch lakonisch beschreibt er den Tagesablauf von Jugendlichen, die gefangen sind, eingeschlossen im unsichtbaren Dreieck aus Traditionen, die ihnen nichts mehr sagen, aus Träumen, denen sie vergeblich hinterherjagen, aus frühzeitiger Resignation. Also nehmen sie sich, was sie kriegen können – und landen bei einem Dealer wie Rafa (Antonio Banderas).

„Ich mache das, wozu ich Lust habe“, sagt Maite. Sie schläft mit Rafa; dafür gibt er Drogen, die sie mit Jon teilt. Ein paar Stunden später ist Maite tot, gestorben an einer Überdosis Heroin. „Du mußt damit aufhören!“ wird Jon von Patxi beschworen. „Wär’ schon gut“, sagt Jon,„...aber, ich bereu’s nicht.“

No sé, por qui, dröhnt die Music-Box in der Bar, wo Jon den neuen Stoff aufzutreiben versucht. Ich weiß nicht, warum. Jon hat das Gymnasium geschmissen. Bei seinem Vater darf er sich nicht mehr blicken lassen; nur die Mutter und die kleine Schwester stecken ihm heimlich etwas zu. „Bis wann soll das gehen?“ fragt Patxi. „So lang’s geht“, sagt Jon. Er überredet den Freund, auf die Insel überzusetzen, wo Maite während ihres letzten Ausfluges eine Handtasche – voller Rauschgift – verloren hat. Jon findet die Tasche. Patxi steuert das Boot zurück. Im Heck kauert Jon. In der Ferne schlägt eine Turmuhr, 27 Stunden sind vorbei. Jon’s Gesicht verfärbt sich, er schließt die Augen. „Jon! Jon!“ schreit Patxi.

Bei der Uraufführung 1986 auf dem Festival in San Sebastian erhielt der Film die Silberne Muschel. Baskische Lokalgrößen murrten: Sie vermißten idyllisches Kolorit. No sé, por qui, das ist die Melodie des Abspanns. René Gralla