Über Susan Sontag, über die New Yorker Intellektuellen und Amerikas Zeitschriften-Boom

Von Irene Dische

Ginger Lee war ein nichtsnütziges Ding. Sie hatte in Harvard studiert und dann ihren durchaus einflußreichen Prestige-Posten als Gesellschaftskolumnistin an einer Zeitung in Atlanta verloren, weil sie der Gattin eines zu Besuch weilenden Botschafters Dialog-Fetzen aus einem Salinger-Roman in den Mund gelegt hatte.

Sie versuchte sich von den bösen Folgen dieser Schmach zu erholen, indem sie sich den Kopf darüber zerbrach, wie sie sich wohl verhielte, wenn sie erst mal berühmt würde. Jedenfalls würde sie nie an falschen Zitaten Anstoß nehmen.

Nach einer Weile entwickelte Ginger Lee eine Abneigung gegen Susan Sontag, die, wie sie zu sagen pflegte, das Beispiel für grundlosen Ruhm bot.

Sie sammelte Zeitungsartikel über Sontag. Die negativen verwahrte sie in der rechten, die positiven in der linken Schublade des Mahagoni-Schreibtisches, den sie von ihrer Großmutter aus Georgia geerbt hatte und der nun in ihrem Schlafzimmer stand. In letzter Zeit war die Ausbeute an Ausschnitten magerer geworden, und sie dachte daran, ihre Sontag-Obsession gegen etwas Zeitaufwendigeres einzutauschen. „Susan“, erklärte sie mit ihrer samtenen Südstaatenstimme, „hat das bekommen, was ihr zusteht: Alle haben das Interesse an ihr verloren, seit sophistication nicht mehr gefragt ist.“ Sie beschloß, ihr Glück (plus Geld) in Dokumentar-Dramen fürs Fernsehen zu suchen.

Es mögen niedere Motive gewesen sein, von denen Ginger Lee sich bei ihren Spekulationen leiten ließ, daß Susan Sontag, wenn sie nicht mehr so viel wie früher schrieb, wohl an einem writer’s block, einer Schreibhemmung leiden müsse. Aber im Sommer 1985 machte das Gerede über Susan Sontags Zustand bei ihren Bekannten in New York die Runde, die alle ganz diskret taten. Susan schrieb nicht; sie verbrachte die ganze Zeit mit Emigranten aus Osteuropa; sie verwandelte sich, wie eine Freundin sagte, „gewissermaßen in eine osteuropäische Promenade“.