Von Willi Germund

Managua, im März

Gehofft haben viele, aber die meisten waren doch verwirrt. "Wieso hat die Contra plötzlich unterschrieben?" fragte sich Luis Guzman, Abgeordneter der sozialchristlichen Volkspartei (PPSC) in der nicaraguanischen Nationalversammlung, noch am Wochenende ratlos. Auch Martha Carazo, Mutter von zehn Kindern, darunter ein wehrpflichtiger Sohn, aus dem Armenviertel Camillo Ortega in der Hauptstadt Managua, verhehlte ihre Skepsis nicht: "Wir fragen uns, ob die Contra das einhalten wird." Diplomaten können es ebenfalls kaum fassen: "Das scheint auf einmal alles viel zu einfach zu sein." Aber das Unglaubliche ist unterschrieben. Nach siebenjährigem Krieg mit rund 50 000 Opfern einigten sich die "US-Söldner" (so die regierenden Sandinisten bisher über die Contras) mit dem "Ungeziefer" (so nannten die Rebellen die Sandinisten) nach nur dreitägigen Gesprächen auf den acuerdo de sapoa, die "Ubereinkunft von Sapoa".

Beide Seiten unterschrieben in der schmucklosen Zollstation an der Grenze zu Costa Rica nicht nur ein Dokument, in dem Staatsoberhaupt Daniel Ortega plötzlich als "verfassungsmäßiger", also rechtmäßiger Präsident Nicaraguas und die Contras als "resistencia nacional", als "nationaler Widerstand" bezeichnet wurden. Sie erklommen vielmehr gemeinsam eine Bühne vor der schier fassungslosen internationalen Presse und sangen zusammen die Nationalhymne Nicaraguas. Ausgerechnet die linksgerichtete Regierung, der in den Vereinigten Staaten und in West-Europa offenes Mißtrauen entgegengebracht wird, ging somit in der Erfüllung des Friedensplans von Guatemala weiter als jedes andere mittelamerikanische Land.

Dieser Erfolg kam unerwartet. Noch am Montagmorgen, als sich die Contras aus Costa Rica in dem Grenzort Sapoa einstellten, schienen die Fronten schier unüberbrückbar. Generalstabschef Joaquin Cuadra brummelte feindselig vor sich hin, als er die Delegation aus dem Nachbarland sah. Die Contras hatten gar ihre eigenen Eßpakete mitgebracht – aus Furcht, die Sandinisten könnten ihnen Gift ins Essen mischen. Am Mittwochabend schien alles vergessen. Die vier Feldkommandanten der Contra, die in amerikanischen Tarnanzügen an den Gesprächen teilgenommen hatten, schüttelten der Reihe nach Staatspräsident Daniel Ortega die Hand. Sie hatten während der Verhandlungen weniger Interesse an demokratischen Reformen als an der Freilassung der Ex-Nationalgardisten gezeigt.

Joaquin Cuadra leitete die sandinistische Delegation, die am Montag wieder mit der Contra zusammentraf, um in technisch-militärischen Beratungen jene Zonen festzulegen, in die sich die Contras laut der Vereinbarung von Sapoa bis zum 15. April zurückziehen müssen. In diesen Gebieten werden die Contras von einer neutralen Organisation, unter Umständen vom Internationalen Roten Kreuz, mit Nahrungsmitteln und Kleidung versorgt. Beide Seiten vereinbarten eine zweimonatige Feuerpause.

Innenminister Tomas Borge, der einzig überlebende Gründer der sandinistischen Befreiungsfront, als rhetorischer Hitzkopf bekannt, ließ es sich nicht nehmen, am vergangenen Sonntag die ersten hundert politischen Gefangenen in die Freiheit zu entlassen. Die Vereinbarung von Sapoa sieht eine allgemeine Amnestie vor, die Managua bereits verkündet hat. Weitere Gefangene – die Hälfte aller politischen Sträflinge – sollen auf freien Fuß gesetzt werden, sobald feststeht, daß die Contra-Kämpfer tatsächlich in die festgelegten Zonen gezogen sind. Die andere Hälfte kommt später frei. Der Zeitpunkt muß noch ausgehandelt werden; öffentlich ist auch die genaue Zahl noch nicht bekannt.