Von Birgit Buchner

Ein kleiner ernster Gott bewacht den Eingang zum Buschdorf in Battor. Er ist aus Lehm geformt wie die buschgrasbedeckten Hütten um ihn herum. Es herrscht vormittägliche Ruhe. Die Kinder sind in der Schule, die Frauen auf dem Markt, die Männer beim Fischen. Dösend, kochend und umherstreifend zurückgeblieben sind die Alten, Kranken, Kleinsten, einige Mütter und die Arbeitslosen. Es tritt auf: ein junger Mann, People’s Daily Graphic in der Hand, ein Zeitungsleser.

Das sind keine Regieanweisungen für den Werbefilm eines Mediengiganten. Das ist der Alltag in einem Buschdorf mitten in Westafrika, in Ghana, wo die Dorfbewohner noch auf dem Boden schlafen, ihr Wasser aus dem nahen Fluß schöpfen, ihre Notdurft über zwei Baumstämmen im Gestrüpp verrichten – und lesen und schreiben können. Alles das können sie genauso gut miteinander vereinbaren wie die Fetische ihrer Naturreligion mit Jesus Christus.

Es bleibt keine Zeit, sprachlos zu sein. Der junge Schwarze, beim Lesen von den weißen Besuchern gestört, hat diese bereits in ein Gespräch über Asylbewerber in Deutschland verwickelt. „Stimmt das, was hier steht?“ will er wissen und hält ihnen den Leitartikel seiner Zeitung zum Thema „Asylbewerber“ unter die Nase, wo geschrieben steht, daß westeuropäische Länder illegale Zuwanderer aus Ghana gar nicht mehr gern sehen, und daß jeder Bürger des Landes, der sich dennoch aufmache, in Europa sein Glück zu versuchen, nur einen Keil zwischen sein Heimatland und Europa treibe.

Welcher Deutsche weiß schon genau, wo Ghana liegt? Selbst Bildungsbürger geben zu, daß sie das Land erst auf der Karte suchen müssen. Da kennen sich die Ghanaer in Europa besser aus. Ihnen muß man nicht einmal sagen, in welchem Land München liegt. Die Wochenzeitung Leisure jedenfalls macht keine näheren Angaben darüber, als sie an einem Freitag in der Titelgeschichte berichtet: „Ein 37jähriger Mann soll von Springers Bild-Zeitung eine Rente auf Lebenszeit bekommen, weil sie ihn im Englischen Garten in München so Photographien hat, als sei er nackt.“

Die Ghanaian Times und der People’s Daily Graphic sind die führenden Zeitungen des Landes. Pro Tag bringen sie acht Seiten; mehr nicht, denn Papier ist knapp. Eine Seite gehört den internationalen Nachrichten mit den Schwerpunkten Afrika, Westeuropa, Israel und Vereinigte Staaten. Das ist mehr Weitblick als amerikanische Zeitungen ihren Lesern bieten. Wenn die Afrika-Reisenden Strauß (negativ) und Weizsäcker (positiv) kritisch begleitet werden, kann das vielleicht noch mit dem Argument „Pflichtstoff für eine afrikanische Presse“ erklärt werden. Aber die tägliche Waldheim-Meldung („Hat er an Kriegsverbrechen mitgewirkt, oder war er zumindest Mitwisser?“) signalisiert genauso wie die Notiz über den „Teil von Auschwitz“, der 44 Jahre nach Kriegsende in der Bundesrepublik zu lebenslänglich verurteilt wurde, daß das Interesse an Europa tiefer sitzt.

Der Besuch von UN-Generalsekretär Perez de Cuellar bot der Ghanaian Times eine willkommene Gelegenheit, Europa in die Pflicht zu nehmen: „Tausende von Afrikanern haben im Zweiten Weltkrieg ihr Leben für die Sicherheit Europas gelassen“, heißt es in einem Leitartikel. „Man hat uns weis gemacht, daß wir unsere eigenen Interessen verteidigten. Aber was anderes als die Interessen seiner kolonialen Unterdrücker hätte Afrika damals schon verteidigen können? Afrika hat mit dem Blut seiner Söhne und mit der Zerstörung seiner wirtschaftlichen Entwicklung für Europas Hilfeschrei bezahlt. Nun ist es an Europa, auf den Hilferuf Afrikas zu reagieren; eine Hilfe, die Europa sich leicht und ohne Opfer leisten kann.“