In „akuter finanzieller Bedrängnis“ muß der Intendant der Städtischen Bühnen Osnabrück die Premiere von gleich zwei Stücken absagen, die seit Wochen geprobt werden. Obwohl das Ensemble einstimmig für die beiden neuen Inszenierungen kämpfte, wird es weder Heinrich Sutermeisters Oper „Le Roi Berenger“ noch Buero Vallejos „Richter in der Nacht“ geben. Die Kunst bleibt auf der Strecke. Der Tarifvertrag geht vor.

An solche Meldungen werden wir uns gewöhnen müssen. In Osnabrück kann die Stadt die Zuschüsse für das Theater nicht erhöhen. Der Intendant aber muß die festen Kosten für den Unterhalt des Hauses und die tarifrechtlich festgelegten, also steigenden Kosten für das Personal zahlen. 87 Prozent des Etats werden von den Personalkosten aufgezehrt, noch ehe an Kunst auf der Bühne überhaupt zu denken ist. Der Tag ist abzusehen, an dem das Theater, aus Kostengründen, geschlossen bleibt. Auf der Bühne gelegentlich eine Putzkolonne. Mimenkunst in der Kantine.

Osnabrück hat’s noch gut. In Essen wird der Etat um fünf Millionen (mehr als zehn Prozent), in Hamburg um 3,2 Millionen (fast 15 Prozent) gekürzt. „Das ist das Ende des Deutschen Schauspielhauses. Mit einer solchen Kürzung kann – künstlerisch verantwortlich – ein solches Haus nicht mehr bespielt werden“, sagt Claus Peymann, den der Hamburger Kultursenator, Ingo von Münch, gern als Zadeks Nachfolger geholt hätte. Jetzt muß er sich mit Michael Bogdanovich zufriedengeben. In Essen, wo es (wie vor Jahren in Bremen) noch einmal eine Protest-Veranstaltung gegen den Theatertod gegeben hat, klagt der kompromißwillige Hausherr Hansgünther Heyme über Politiker, die von der – politischen – Bedeutung der Kultur gar keine Ahnung mehr hätten.

Proteste, Klagen. Wer will sie noch hören? Auch in dieser Spalte wurde oft geseufzt. Aber war das böse Ende dieser Talfahrt nicht längst abzusehen? Und was haben sie getan, die verantwortlichen Politiker, die Theaterleute, die über die nächste Premiere selten hinausdenken?

Vorauszusehen war, daß die Computer immer mehr Arbeitsplätze vernichten. An die Sonntagsreden von „Vollbeschäftigung“ glaubt niemand mehr. Also frißt der Sozialhaushalt von Ländern und Städten den Kultur-Etat. Der ahnungslose Professor Münch (FDP) aber schwadronierte noch während der Koalitionsverhandlungen mit der SPD von einem doppelt so großen Geldtopf für die Kultur in Hamburg.

Warum haben die (Kultur-)Politiker, als sie noch nicht das Nullwachstum verwalten mußten, nicht über neue Formen der Förderung von Kultur, etwa mit Hilfe von privatem Geld, nachgedacht? Weshalb hören sie nicht auf den Bundespräsidenten, der sich dagegen wehrt, daß immer über „Subventionierung“ der Kultur gejammert, aber die Finanzierung des Straßenbaus etwa als selbstverständlich hingenommen wird?

Weshalb wird das unregierbar gewordene Monstrum der „Staatlichen Schauspielbühnen“ in Berlin nicht endlich so gegliedert, daß in Schiller-, Schloßparktheater und Werkstatt mit hohem künstlerischen Anspruch gearbeitet werden kann?