Die junge, ebenso schöne wie mondäne Frau eines der reichsten Männer der Stadt in ihrem goldfarbenen Mercedes tot aufgefunden... Wieder einmal schauen wir einem wortkargen muffigen Inspektor beim morgendlichen Rasieren zu, und wie er sich in seinen speckigen, verschwitzten Blouson zwängt und durch die noch menschenleeren Straßen der Großstadt geht (diesmal allerdings nicht über den nassen Pariser Asphalt, sondern das heiße Pflaster Rio de Janeiros) und seinen Kaffee in einem billigen Stehcafe trinkt. Und wieder einmal schließt er Raubmord oder Selbstmord aus, ermittelt auf eigene Faust und wird von den Gorillas des Industriellen vor die Tür gesetzt.

Guedes, so heißt der Inspektor, besucht den Erzähler – seinen eigenen Erfinder –, der ein Verhältnis mit dieser feinen Dame hatte, die aus einfachen Verhältnissen stammte. Der Erzähler, ein bedeutender Romancier, fühlt sich gestört, denn er verschiebt auf seinem Textverarbeitungsgerät gerade die Kapitel seines neuesten Romans...

Wieder einmal ergießt sich ein Autor auf dem Papier vor seiner Geliebten, verbalisiert ein Schriftsteller hemmungslos seine für ihn sonst ungewöhnlichen Schreibhemmungen und Erektionsprobleme und reflektiert über den Roman an sich. Minolta – ein Hippiemädchen, das er auf der Freitreppe der Nationalbibliothek aufgelesen hat – richtet ihren Gustavo Flávio, so heißt der Erzähler, mit makrobiotischer Küche und New Age-Energien wieder auf. So kommen wir in den Genuß des ersten Kapitels jenes Romans, den der Erzähler eigentlich schreiben wollte: eine Geschichte aus dem Italien des 18. Jahrhunderts über die klassischen Experimente am Ochsenfrosch Bufo Marinas als Symbol für die "autoritäre Arroganz der Wissenschaftler"... Welch innovative Koinzidenz: Der Roman trägt just den gleichen, nur durch Lektüre zu enträtselnden Titel wie das vorliegende Buch Rubem Fonsecas: "Bufo & Spallanzani"...

Gustavo Flávio ist kein unbeschriebenes Blatt. Sein wahrer Name lautet Canabrava und er ist in Wirklichkeit Versicherungsangestellter. Vor Jahren ist er aus der Heilanstalt entflohen und als Schriftsteller untergetaucht, an seinen Fingern klebt nicht nur Tinte, sondern Blut! Er hat einen Friedhofsgärtner erschlagen, welcher ihn, den eifrigen Rechercheur, am Zertrümmern einer Grabplatte zwecks Exhumierung einer Leiche hindern wollte etc. etc...

Die Geschichte in der Geschichte: Wieder einmal treffen ebenso illustre wie mysteriöse Gäste in einem abgelegenen Hotel aufeinander. – Fußnote 1: Der Autor verschweigt, daß es sich dabei um ein von angelsächsischen Kriminalautoren erbautes Schloß handelt. Jeder der unheimlichen Gäste erhält vom Erzähler einen Zettel, auf dem ein Wort steht, zu dem er bzw. sie wiederum eine Geschichte erfinden soll. Fußnote 2: Nur der Erzähler und der Leser wissen, daß auf dem Zettel nicht "zehn kleine Negerlein" steht, sondern, da ist es wieder, jenes unheimliche Wort "Kröte" (womit der Bufo Marinus gemeint ist). Und ausgerechnet Dona Suzy, die Frau mit dem zweiten Gesicht, die beim Muschelwerfen eine Tote sah, muß sterben: von ihrer lesbischen Geliebten mit einer Bronzeeule (keiner Kröte!) erschlagen. Fußnote 3: "Mehrere Schläge auf den Kopf, den ersten vermutlich auf die Schädelbasis." Es war ein Liebespakt bis in den Tod, ein Dreiecksverhältnis: Carlos, der blasse junge Mann, der immer schwieg, steigt aus seiner Hosenrolle und gibt sich als drahtige Maria zu erkennen, die Pferde einreitet etc. etc. Fußnote 4: "Bitte denk dir nichts Neues aus. Du hast treue Leser, gib ihnen, was sie haben wollen", sagt der Verleger zum Autor auf S. 141.

Auf der vorletzten Seite des Romans, nicht Gustavo Flävios, sondern Rubem Fonsecas, als der von den Schurken des hinterbliebenen Industriellen kastrierte Erzähler seine Impotenz wieder einmal mit verbalen Ergüssen überspielen will, erfahren wir, welche falsche Fährte die richtige war: Die junge Frau im goldfarbenen Mercedes, jene Gattin eines der reichsten Männer des Landes und Schriftstellergeliebte – sie war unheilbar krank, doch sie litt nicht an Aids, obwohl das Wort im Buch zweimal fällt, sondern an Leukämie. Sie sucht den Tod durch die Hand des Autors. Wer hätte das gedacht! War das nun Mord oder Totschlag, oder hat der Autor aktive Sterbehilfe geleistet...? Doch da ist der Roman zu Ende.

Der Erzähler sagt über den Inspektor auf S. 197: "Ich glaube, er war zu dem Schluß gekommen, daß die Beziehung zwischen dem Leben des Autors und dem, was er schreibt, so oberflächlich und verlogen ist, daß es sich nicht lohnen würde, vierhundert Seiten, zu lesen, um nichts in Erfahrung zu bringen."