"Die Schopenhauer-Welt": Über die große Ausstellung in der Berliner Staatsbibliothek

Von Benedikt Erenz

Die schnippische Skizze ist längst zum Emblem geworden. Der alte Schopenhauer und sein Pudel, wie der Schopenhauerianer Wilhelm Busch seinen Lebenspatron samt Begleiter flüchtig verewigte: Hund und Philosoph Seit’ an Seit’, traut vereint in ihrer Menschenflucht dem Betrachter und der Welt den Rücken, beziehungsweise dessen akurat getrimmte Verlängerung weisend.

Auch der (oder die) Künstler, welche das Plakat zur Ausstellung in der Berliner Staatsbibliothek am Tiergarten entwarfen, mochten auf den populären graphischen Merkvers nicht verzichten. Allerdings entdeckt man ihn nur sehr klein, quasi wieder Skizze geworden, vor dem großen Portrait des jungen Schopenhauer, das Sigismund Ruhl 1815 malte. Dieses Bild überrascht immer wieder, hat der Lockenkopf mit dem schweifenden Blick und den vollen Lippen doch so gar keine Ähnlichkeit mit den gerade im Jubeljahr des 200. Geburtstages auf Zeitungsseiten und Buchumschlägen (bis zur Briefmarke der Bundespost) unendlich reproduzierten Daguerreotypien, die den Alten zeigen, spöttisch, resigniert-schwarzgallig, den Kopf mit dem in Flammen stehenden Haarrest seitwärts in die Hand gestützt. Schopenhauer – das ist im Bewußtsein der Nachwelt der misogyn-cynophile Spöttergreis, der Frankfurter Rentner mit seinem Pudel, das hat was zu tun mit Gassi gehen und Enten füttern: dahingemurmelte Parkbankphilosophie, mit allerlei fernöstlichen Trostsprüchlein vermengter Lebensekel, Seniorenmetaphysik.

Doch, und hier setzt schon das Plakat der Ausstellung mit dem Portrait des knapp Dreißigjährigen den entscheidenden Akzent: Die Philosophie Schopenhauers ist ja die eines jungen, für philosophiehistorische Verhältnisse geradezu unverschämt jungen Mannes. Schopenhauer war exakt 30, also in dem Alter, in dem Ruhl ihn abkonterfeite, als er das Manuskript "Die Welt als Wille und Vorstellung" abschloß. Und das war’s ja dann eigentlich auch schon – wie es der Philosoph selber in schönster Klarheit erkannte, als er zwei, drei Jahre später notierte: daß "die eigentliche Zeit der genialen Conception... vorbei" sei, und das "Leben von nun an zum Lehrberuf am tauglichsten ist".

Der junge Schopenhauer – der "eigentliche" Schopenhauer: Der Hauptteil der Ausstellung ist ihm, ist der ersten, der entscheidenden Lebenshälfte gewidmet. Ausführlich und liebevoll werden Herkunft, Kindheit und Jugend ins Blickfeld gerückt, und siehe da, es zeigen sich plötzlich Hintergründe, Szenen einer Biographie, die meist nur am Rande gestreift oder ganz unterschlagen werden, wenn von Schopenhauer und seiner Philosophie die Rede ist. Nicht biedermeierliche Enge, sondern Bürgerstolz des 18. Jahrhunderts: Das Geburtshaus in Danzig, wie auch das Haus in Hamburg, in dem Schopenhauer aufwächst, sind stattliche Patrizierpalais. Norddeutscher Kaufmannsgeist weht aus den alten Ansichten herüber, und Arthurs Jugend, davon zeugen nicht zuletzt die Ermahnungen in den ausgelegten Briefen Heinrich Floris Schopenhauers an seinen einzigen Sohn, ist die eines zukünftigen Handlungstreibenden, ist Vorbereitung auf die Übernahme des väterlichen Kontors dermaleinst. In der Schule beschränkt sich der Lehrstoff auf das Nützliche, auf das, was man für die Geschäfte, für Buchhaltung und Investitionsplanung halt so braucht, und bald geht es ohnehin in die Lehrer

Ein gigantischer Aphorismus