Nachdem die Würfel gefallen sind, möchte ich zu meinem Ausscheiden aus dem Sachverständigenrat öffentlich Stellung nehmen. Dabei geht es nicht darum, wie die „Fünf Weisen“ fernab vom Bildschirmereignis der jährlichen Gutachtenübergabe miteinander umgehen. Zu reden ist von der Unabhängigkeit wissenschaftlicher Politikberatung, der Grundvoraussetzung jeder derartigen Tätigkeit in einer Expertengruppe.

Dabei ist die Unabhängigkeit der Gruppe zu unterscheiden von der Unabhängigkeit der Gruppenmitglieder im Verhältnis zueinander. Beides ist gleich wichtig. Es hat schon den Fall gegeben, daß ein Ratsmitglied im Streit ausgeschieden ist, weil die anderen Ratsmitglieder Vorentscheidungen in dem von ihnen gemeinsam bewohnten Wiesbadener Hotel zu treffen pflegten.

Im Entwurf des Sachverständigenratsgesetzes vom 26. Juni 1962 war vorgesehen, daß sich die Fünfergruppe beim Ausscheiden eines oder mehrerer Mitglieder durch Kooptation selbst ergänzen soll. Eine solche Selbstergänzung einer Kleingruppe birgt die Gefahr der Cliquenwirtschaft in sich. Das am 14. August 1963 verabschiedete Gesetz sieht deshalb aus gutem Grund die Berufung durch den Bundespräsidenten auf Vorschlag der Bundesregierung vor. Den Ratsmitgliedern ist ein Anhörungsrecht gegeben. Je nach der praktischen Handhabung dieses Berufungsverfahrens kann es zur Kooptation werden. Umstände und Verfahrenszüge können dies ermöglichen.

Mein unfreiwilliges Ausscheiden beginnt ein Jahr vorher mit meinem freiwilligen Abschied aus dem Forschungskuratorium des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI), Essen. Was mir der Institutspräsident Schneider damals verübelte, zahlte mir der Ratsvorsitzende Schneider jetzt heim. Das Forschungskuratorium des RWI verließ ich im Frühsommer 1987, zugleich mit Professor Horst Albach. Ich sah dort keine Mitwirkungsmöglichkeit und wollte nicht mitverantwortlich gemacht werden für die vom Präsidenten Schneider nicht gemeisterte, vor Jahren schon vom Wissenschaftsrat gerügte Führungsmisere dieses Instituts,

Am 18. März 1987 hielt mir daraufhin der Ratsvorsitzende Schneider in seinem Dienstzimmer beim Sachverständigenrat vor, es bestünde zwischen uns „keine Vertrauensbasis“ mehr. Ich wies diese Vorhaltung als ungerechtfertigt zurück und arbeitete bis zum Ende meiner Ratstätigkeit in kollegialer und loyaler Weise mit dem Ratsvorsitzenden Schneider, nicht zuletzt auch als sein gewählter Stellvertreter, zusammen. Daß es daran gefehlt hätte, ist mir nie zu Ohren gekommen.

Natürlich gibt es bei der täglichen Ratsarbeit Auseinandersetzungen, auch heftige. Es kann zu Rangeleien und Sticheleien kommen. Bekannt ist auch, daß es in der „Ratskampagne“ von September bis November hoch hergeht, daß man sich im fast wörtlichen Sinne zusammenrauft. Ich habe in keinem anderen wissenschaftlichen Gremium härtere und zugleich fruchtbarere wissenschaftliche Auseinandersetzungen erlebt und verdanke diesem, von mir stets aktiv mitgestalteten Diskussionsprozeß Anregungen und Einsichten.

Damit war es am 29. Januar 1988 jäh zu Ende. Auf einer internen Sitzung wurde mir unter dem Tagesordnungspunkt „Personalangelegenheiten“ vom Ratsvorsitzenden in wenigen Worten eröffnet, es läge eine Anfrage aus dem Bundeswirtschaftsministerium vor, ob gegen meine Wiederberufung Bedenken bestünden. Die von ihm befragten Ratsmitglieder hätten sämtlich solche Bedenken. Diese Mitteilung traf mich wie ein Blitz aus heiterem Himmel.