Von Ernst-Jürgen Walberg

Das ist verführerisch schön: In der weiten, schneeweißen Fläche der beiden großformatigen Buchseiten stehen auf gleicher Höhe nebeneinander acht Plastiken Alberto Giacomettis; alle sind nahezu maßstabgerecht und gleichmäßig verkleinert, eineinhalb, fünf, maximal siebzehn Zentimeter hoch: „Kopf eines Mannes auf einem Stab“ (1947), „Die Hand“ (1947), „Der Platz“ (1948)...; nur auf den ersten flüchtigen Blick ähneln sie Schattenrissen.

Doch das Licht spielt mit diesen Bronzen, ein Gegenlicht fast, das die Details scharf heraushebt, die sanften Vertiefungen und schroffen Erhöhungen, die Dellen und Schrunden und die fragilen Strukturen. Die Fläche der beiden großformatigen Buchseiten verwandelt sich für den Betrachter ganz allmählich in einen scheinbar unendlich weiten, weißen Raum, in dem Giacomettis Plastiken längst Volumen, Größe, Wirklichkeit und Leben gewonnen haben.

Es sind nicht nur photographisch möglichst getreue Abbilder plastischer Kunst, es ist viel mehr: eigenständige künstlerische Komposition, eigenwilliges ästhetisches Arrangement und selbstbewußte Interpretation zugleich. Über zwei Jahrzehnte hat der schweizerische Photograph und Designer Herbert Matter (1907-1984) an seiner Hommage à Giacometti gearbeitet. Das ist postum ein hinreißender Bildband geworden. Matter hat den vielen der photographischen, literarischen und kunsthistorischen Weg- und Nachbegleitern Giacomettis vor allem eins voraus: Mut – den Mut, sich zu lösen von der durch den Künstler selbst vorgegebenen Sichtweise von Werk und Leben, von den inzwischen so uralten wie immer noch taufrischen Anekdoten und Legenden.

Matter gestattet sich die eigene Meinung; er nimmt sich die Freiheit, Giacomettis Einzelgänger auf Leinwand und Bronzesockel in die Ferne zu schieben und sofort danach in unsere nächste Nähe zu holen, als Ausschnitt nur; er erlaubt sich, den Figuren, Büsten und Köpfen mit der Kamera nicht allein frontal zu begegnen, er nutzt jede mögliche Perspektive. Und es ist, als setze Matter ganz unspektakulär, wie selbstverständlich Giacomettis niemals aufgegebene und für ihn nie erfolgreiche Suche nach der Wirklichkeit, nach dem wahren Bild vom Menschen fort, die Möglichkeit des eigenen Scheiterns inbegriffen ... zu verführerisch, dieses Buch?

Erst 1960 hat Herbert Matter über den New Yorker Kunsthändler Pierre Matisse seinen Landsmann Alberto Giacometti kennengelernt in dessen von Gipsstaub verkrustetem Atelier in der Pariser Rue Hippolyte-Maindron 46, seit 1927 bis zu seinem Tode 1966 Giacomettis bizarre Arbeitsklause und (gar nicht so nebenbei) ergiebigste Motivfundgrube auch für zahlreiche andere namhafte Photographen von Henri Cartier-Bresson und Man Ray bis zu Ernst Scheidegger. Wir kennen ihre Aufnahmen aus Licht und Schatten, eng vollgestellt mit Giacomettis Figuren, die sich wie von selbst auf dem Fußboden, an der Wand, am Tisch zu Gruppen zusammengefunden haben – in feuchte Tücher gehüllt, bereits verworfen, wieder halb zerfallen oder noch zwischen den Händen des Künstlers, immer schmaler in die Höhe wachsend, diese Gestalten mit ihrer merkwürdigen physiognomischen Ähnlichkeit zum älter gewordenen Giacometti.

Wer mehr will als diese Blicke auf das Interieur, der mag sich durch die Giacometti-Biographie des Amerikaners James Lord wühlen, hier ist nichts mehr ausgelassen. Anfang der fünfziger Jahre haben sie sich im Café des Deux Magots kennengelernt. James Lord saß Modell, führte Tagebuch, merkte auf beim Gespräch, bei Arbeit und Arbeitsweise, bei jeder Ausstellung und jedem Besucher, überspitzt: bei jeder Zigarette und jedem hartgekochten Ei.