Acht Monate vor dem Ende seiner Amtszeit wird Ronald Reagan das „Reich des Bösen“ besuchen.

Die Regierungen der Vereinigten Staaten und der Sowjetunion wollen zwar mit allen Kräften versuchen, noch vor der Visite Ende Mai einen Vertrag über die Reduzierung der strategischen Kernwaffen unterschriftsreif zu machen, Das aber ist keineswegs gesichert: Gemessen an den Verhandlungsergebnissen der vergangenen drei Monate gilt die rechtzeitige Lösung der offenen Fragen für den Abschluß des START-Vertrages eher als unwahrscheinlich.

Seit vierzehn Jahren ist kein amerikanischer Präsident mehr in der Sowjetunion gewesen. Zuletzt traf sich Gerald Ford 1974 mit Leonid Breschnjew in Wladiwostok. Wenn nun Ronald Reagan die Sowjetunion besucht, die er einst „das Reich des Bösen“ nannte, äußert sich darin sowohl die Kehrtwendung dieses Präsidenten als auch eine neue Qualität in den amerikanisch-sowjetischen Beziehungen.

Reagan hat Gorbatschow immer als einen sowjetischen Führer neuen Typs bezeichnet. Daß der Generalsekretär den Abschluß eines Abrüstungsvertrags nicht zur Voraussetzung dieses Gipfels gemacht hat, wurde in Washington stark beachtet. Man glaubt, Gorbatschow möchte der von ihm für Ende Juni einberufenen außerordentlichen Konferenz der KPdSU noch einen außenpolitischen Erfolg vorlegen.

Erfolgserwartungen spielen für das vierte Gipfeltreffen zwischen Reagan und Gorbatschow aber auch auf amerikanischer Seite eine wichtige Rolle: Es geht sowohl um die Schlußbilanz der Außenpolitik Reagans, sprich: um seinen Platz in der amerikanischen Geschichte, als auch um Wahlhilfe für George Bush in dessen Kampf um die nächste Präsidentschaft.

Das Weiße Haus erhält von vielen Seiten Ratschläge, ob es für den Abschluß des START-Vertrages noch Konzessionen anbieten soll.

Der Vertrag würde die Arsenale der weitreichenden Nuklearwaffen halbieren. Die amerikanische Forderung nach Untergrenzen bei den landgestützten Interkontinentalraketen stößt nach wie vor auf sowjetischen Widerstand. Ungeklärt ist auch, ob mobile Interkontinentalraketen und seegestützte Marschflugkörper begrenzt werden sollen. Überdies bleibt die sowjetische Seite dabei: Ein Abkommen über die Reduzierung strategischer Angriffswaffen müsse von klaren Absprachen über die Grenzen strategischer Verteidigung (SDI) begleitet sein.